11. Juni 2009

Water Footprint

VIRTUELLES WASSERRainer Litty vom WWF hat in seinem Vortrag auf dem Media Mundo-Kongress am 8. Mai in Berlin auf eine weitere meßbare Größe des Inhalts unseres ökologischen Rucksacks hingewiesen: Am Beispiel der Textilproduktion sowie der Getränkeindustrie führte er aus, welche Mengen an Wasser unmittelbar und mittelbar für die Herstellung einer Jeans und einer Flasche Bier benötigt werden.Man spricht in diesem Zusammenhang auch von “virtuellem Wasser“, ein Begriff, den ich für etwas unglücklich gewählt erachte, weil es ja bei dieser Disziplin um die Ermittlung der Menge an Wasser geht, die tatsächlich von einem bestimmten Menschen oder Unternehmen oder zur Herstellung eines bestimmten Produkts verbraucht wird.Wenn Sie Water Footprinting interessiert, dann empfehle ich Ihnen die Seite Water Footprint der Universität Twente und speziell den dort zum Download bereitstehenden Bericht “Water Neutral – Reducing and Offsetting the Impacts of Water Footprints”. Weitere gute Informationen zu diesem Thema finden Sie beim WWF und dem UNESCO-IHE Institute for Water Education. Viele Beispiele für Water Footprints sind auf der Seite Virtuelles Wasser der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz verfügbar.
Tropfen für Tropfen

Nicht überall verfügbar: Sauberes Wasser. Bild: Tropfen für Tropfen, Fotograf: Ivy, Bildquelle: www.piqs.de, Creative Commons, Some Rights Reserved

Virtuelles Wasser ist ein faszinierender Ansatz, über den ich heute ein paar Gedanken mit Ihnen teilen möchte. Hierzu muss ich aber ein klein wenig ausholen:

KLIMASCHUTZBERATUNG

ClimatePartner ist eine Unternehmensberatung im Klimaschutz. Während Unternehmensberatungen im Allgemeinen die ökonomische Leistung eines Unternehmens betrachten, steht bei ClimatePartner die ökologische Leistung eines Unternehmens im Vordergrund – und dort, wie der Name vermuten lässt, die klimarelevanten Auswirkungen der jeweiligen unternehmerischen Tätigkeit.Ansonsten unterscheidet uns nicht viel von “normalen” Consultingunternehmen: Unsere Tätigkeit gliedert sich in die Analyse der Situation, die Definition einer Strategie, die Ableitung geeigneter Maßnahmen sowie deren Umsetzung. Alle Projekte werden bei uns durch den Grundsatz bestimmt, dass Treibhausgasemissionen (1) im Ansatz vermieden und (2) ihre Entstehung auf ein Minimum reduziert werden sollten. Erst dann sollte in geeigneten Fällen (3) über eine Kompensation der Treibhausgasemissionen durch den Erwerb von CO2-Minderungszertifikaten nachgedacht werden.Nebenbei: Ich kenne kein Unternehmen, dass den Grundsatz “vermeiden, vermindern, ausgleichen” mutiger kommuniziert als unser Kunde alesco, ein Folienproduzent aus Langerwehe: alesco hat die vorgenannte Klimaschutz-Trias in eine Graphik überführt, die dem Webauftritt des Unternehmens als Vorschaltseite vorangeht.CO2-BILANZEN (CARBON FOOTPRINTS)Zurück zum Thema: Sowohl bei der Vermeidung von Emissionen, aber auch bei der Verminderung und der Kompensation stellt sich die Herausforderung der Quantifizierung der Treibhausgasemissionen. Auch bei CO2-Bilanzen, sei es für ein Unternehmen (Enterprise Carbon Footprint) oder ein Produkt (Product Carbon Footprint) muss man natürlich wissen, welche emissionsrelevanten Vorgänge sich in einem Unternehmen bzw. über den Lebenszyklus eines Produkts von den Rohstoffen hin bis zur Entsorgung ereignen.Erst auf der Grundlage einer qualifizierten Berechnung der Emissionen ergibt sich eine gesicherte Grundlage für einen unternehmensbezogenen CO2-Fußabdruck oder einen CO2-Fußabdruck für ein bestimmtes Produkt. Dies wiederum ist die Voraussetzung für den Ausgleich der Emissionen, z.B. zur Herstellung von Klimaneutralität (siehe sogleich).EMISSIONSAUSGLEICH UND KLIMANEUTRALITÄTNeben der Vermeidung und der Reduktion von CO2-Emissionen stellt der Clean Development Mechanism (CDM) eine weitere Maßnahme zur Verbesserung der Klimaleistung dar, die des Emissionshandels. Der Emissionshandel funktioniert – sehr stark vereinfachend dargestellt – so, dass unvermeidbare CO2-Emissionen durch den Erwerb von Zertifikaten aus anerkannten Klimaschutzprojekten rechnerisch ausgeglichen werden. Klimaschutzprojekte sind in erster Linie Anlagen der Energieerzeugung auf der Basis regenerativer Energieträger. Sie finden überwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern statt. Dem CDM liegt die Tatsache zugrunde, dass die Erwärmung eine globale Herausforderung ist, so dass es unerheblich ist, wo Emissionen entstehen und wo sie vermieden werden. Entspricht die Menge von verursachten Emissionen derjenigen Menge an Emissionen, die im Wege des Kaufs von Zertifikaten erworben wurden, spricht man von Klimaneutralität, was man nicht mit Emissionsfreiheit verwechseln darf.Der Emissionshandel hat natürlich auch eine ökonomische Dimension: Ist die Vermeidung einer Emission teurer als deren Ausgleich, ist der Ausgleich wirtschaftlich gesehen vorzugswürdig. CDM dient damit dem Zweck, ein ökologisch erstrebtes Ziel – das der Emissionsminderung – ökonomisch möglichst vorteilhaft durchzuführen.Wer an Details dieses Mechanismus interessiert ist, dem empfehle ich das Buch “Die andere Klima-Zukunft” von Claudia Kemfert. Hat man sich mit diesem wirkungsvollen CDM-Mechanismus erst einmal angefreundet, regt er die Phantasie an, denn er beruht auf dem Prinzip des finanziellen Ausgleichs unerwünschter ökologischer Folgen (unternehmerischen) Handelns durch die finanzielle Unterstützung solcher Projekten andernorts, die dort wiederum erwünschte ökologische Effekte erzielen.Wer dieses Prinzip heute bereits als Vorreiter anwendet, wird festgestellt haben, dass es eine Reihe von positiven Nebeneffekten für Marketing- und Vertriebszwecke mit sich bringt. Ohne das hier vertiefen zu wollen, eine ökologisch verantwortungsvolle Positionierung von Unternehmen und Produkten zahlt sich aus.WATER FOOTPRINTSAngesichts des Bedrohungsszenarios “globale Erwärmung” werden allerorts in Unternehmen  CO2-Bilanzen aufgestellt und über CO2-Fußabdrücke für Produkte nachgedacht. Die Inanspruchnahme von Wasser hingegen spielt im Kontext nachhaltiger Unternehmensführung noch keine sichtbare Rolle. Hiervon ausgenommen sind Charity-Aktionen und Maßnahmen im Kontext sozialer Unterstützungsprojekte wie z.B. der AVEDA Walk for Water.Ich habe das nicht in jeder Hinsicht überprüft, aber ich glaube, dass sich der Werkzeugkasten, den wir für unsere Arbeit benötigen, tendenziell sowohl für die Berechnung von CO2-Emissionen als auch für die Berechnung des unmittelbaren und mittelbaren Wasserverbrauchs eignet, den ein Unternehmen periodisch hat oder der erforderlich ist, um ein Produkt herzustellen. All das, was wir im Kontext der Emissionsermittlung tun, ließe sich also auch im Kontext Wasserverbrauch tun. Die Inventarisierung des Wasserverbrauchs könnte zu
  • Enterprise Water Footprints (EWF) und
  • Product Water Footprints (PWF)
führen. Ich gehe weiter davon aus, dass es eine Reihe von Möglichkeiten in Unternehmen gibt, die Inanspruchnahme von Wasser bei bestimmten Prozessen zu vermeiden und bei zahlreichen Prozessen zu verringern.Wie auch bei den Treibhausgasemissionen wird nach Bemühungen um die Vermeidung und die Verringerung des Wasserverbrauchs ein sinnvoll reduzierter Wasserverbrauch übrig bleiben. Wenn man nun den Gedanken des CO2-Emissionsausgleichs durch den Erwerb von Klimaschutzzertifikaten auf den Wasserverbrauch und dessen Ausgleich überträgt, dann wird es meines Erachtens besonders spannend, denn anders als bei dem CO2-Emissionsausgleich, bei dem eine klimatische Verbesserung im Fokus steht, hat Wasserverbrauch auch eine erhebliche soziale Dimension, wenn man einmal bedenkt, dass ca. 3 Milliarden Menschen nur einen mehr oder weniger beklagenswert schlechten Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.AUSGLEICH DES WASSERVERBRAUCHSDieser traurige Zustand könnte auch den Weg für den Mechanismus vorzeigen, dessen es bedürfte, um die Inanspruchnahme von Wasser auszugleichen und – in Analogie zum Klimaschutz – “wasserneutrale” Unternehmen und Produkte zu erhalten: Für jeden Kubikmeter an Wasser, der von einem Unternehmen verbraucht oder für die Herstellung eines Produkts benötigt wird, könnten “Wasserverbrauchszertifikate” erworben werden – natürlich auf freiwilliger Basis.Die so umschriebenen Zertifikate dürften nur für Projekte ausgegeben werden, die die Versorgung mit sauberem Wasser in bislang unterversorgten Regionen gewährleisten. Geographische Schwerpunkte der Projekte wären damit auch hier die Entwicklungs- und Schwellenländer. Entscheidend für die Dimensionierung der Projekte wäre im Wesentlichen nur die Angabe, welche Menge an Wasser der Bevölkerung jährlich durch das entsprechende Projekt neu (im Sinne von zusätzlich) zur Verfügung gestellt werden würde.Solch ein Mechanismus könnte die Tätigkeit von NGOs, die sich bislang diesem Thema widmen und durch Spenden und Zuwendungen finanziert werden, komplementär unterstützen. Als solches wäre z.B. der WWF zu nennen oder Vereine wie Viva con Agua. Entsprechende Publizität vorausgesetzt, dürfte sich durch die regulierenden Kräfte von Angebot und Nachfrage voraussichtlich zügig ein Marktpreis für die Zertifikate bilden, die z.B. auf eine Einheit von 1.000 Kubikmetern Wasser lauten könnten.Es liegt auf der Hand, dass hier noch Einiges an Rahmenbedingungen und Spielregeln geschaffen werden müsste, aber wirklich kompliziert stelle ich mir das nicht vor. Das Angebot würde sich an nachhaltig wirtschaftende Unternehmen wenden, die neben dem Ausgleich ihrer Treibhausgasemissionen auch ihren Wasserverbrauch freiwillig zum Ausgleich gelangen lassen möchten. Wie auch im Kontext des Frwiwilligen Klimaschutzes würden meiner Meinung nach nur fortschrittlich denkende, nachhaltig eingestellte Unternehmen zu dieser Maßnahme greifen. Sie würde sich gut eignen, um Nachhaltigkeitsanstrengungen abzurunden und einen relativen Positionierungsvorteil zu erzielen.Bei genauerem Hinsehen passt “virtuelles Wasser” eigentlich ziemlich gut zu ClimatePartner. Mal sehen, ob wir uns des Themas annehmen…