21. Juli 2009

Grüne im Landtag: Wirtschaft. Natürlich.

20. Juli. Der Senatssaal des Bayerischen Landtags ist voll besetzt. Die Grünen im Bayerischen Landtag haben zur Veranstaltung “Wirtschaft. Natürlich.” eingeladen.

Margarete Bause, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, eröffnet die Veranstaltung und spricht über den “Green New Deal”, der erforderlich sei, um die beiden großen Krisen unserer Zeit zu bewältigen. Sie betont, dass sowohl die Finanz- als auch die Klimakrise ihre Ursache im verantwortungslosen Umgang mit Ressourcen haben. Das ist eine wichtige Feststellung und es ist schön, dass die Grünen sich diesem Thema so prominent annehmen.

Dr. Anselm Görres versucht, die Antwort auf die Frage zu finden, wer uns wieder aus der Krise führt. Verantwortliche für die Situation findet er viele (es sind “die üblichen Verdächtigen”), die konkete Antwort auf seine Frage bleibt er schuldig – oder ich habe sie überhört. Allerdings ist sicher richtig, dass Dr. Görres eine ökosoziale Marktwirtschaft fordert, die die Marktwirtschaft in den Dienst der Menschheit stellt und sich an ökologisch und sozial guten Standards orientiert. Wie das funktioniert und was wir hierzu beitragen müssen, bleibt offen.

Jürgen Schmidt von memo spricht über Nachhaltigkeit als dem zentralen Erfolgsprinzip wirschaftlichen Handelns. Schmidt erläutert dabei nicht nur die ökologischen Leistungen des Unternehmens aus Greußenheim, sondern illustriert an konkreten Beispielen auch Aspekte der sozialen Dimension der Nachhaltigkei bei memo: Transparenz und Fairneß im Umgang mit Kunden und Mitarbeitern sind bei memo keine oberflächlichen Bekenntnisse, sondern gelebte Praxis. Zum Nachdenken regen die vier Trends an, die Schmidt aufzeigt:

  • Trend 1: Von der Verschwendung zur Bescheidenheit
  • Trend 2: Substanz ersetzt Oberflächlichkeit
  • Trend 3: Modernismus weicht neuen Traditionen
  • Trend 4: Einfache Dinge werden komplexen vorgezogen

Gut analysiert ist auch die These, wir lebten in einer “Zuvielisation”, die nach neuer Orientierung und echter Innovation suchen sollte, anstatt zu versuchen, “Wohlstandsmüll” ökologisch korrekt herzustellen. Großer Applaus hierfür.

In der die Veranstaltung begleitenden Ausstellung im Vorraum zum Senatssaal treffen wir zahlreiche Freunde und Bekannte, darunter auch Guido Schmidt, der am Stand von ulenspiegel steht. Er ist guter Laune, denn schließlich hat er ja auch die schönen Einladungen zur Veranstaltung gedruckt – auf FSC-Papier und klimaneutral…

Die Podiumsdiskussion wird der Bedeutung der Veranstaltung leider nicht gerecht, weil die Beiträge an der Oberfläche bleiben: Ein schlechtes Vorzeichen ist, dass zumindest zwei der Podiumsteilnehmer innerdeutsch eingeflogen sind und die Argumente dafür unbeholfen und stereotyp sind. Warum macht man sich über die angemessene Anreise zu einer Nachhaltigkeitsveranstaltung keine Gedanken? Es entsteht der Eindruck, dass Klimaschutz immer und nur eine Sache der anderen ist.

Die Moderatorin wirkt unbeholfen und stellt Fragen, die sich eigentlich nicht stellen oder die kurz davor schon beantwortet wurden. Dementsprechend vage bleiben die Antworten: Unternehmen investieren auch in Zeiten der Krise – oder auch nicht. Steuersenkung bei gleichzeitiger Konsolidierung der Haushalte ist nicht möglich. Nach der Wahl ist vor der Wahl. Die Probleme sind vielfältig und groß. Das alles ist bekannt.

Jürgen Schmidt wird allen Ernstes gefragt, ob Nachhaltigkeit das Wundermittel zur Weltrettung sei. Jürgen Schmidt lehnt souverän und ehrlich die Beantwortung dieser Frage ab, er überzeugt in der Runde durch Klarheit. Eine andere Teilnehmerin versucht, die Frage zu beantworten: Ein nachhaltiges Angebot allein sei natürlich nicht die Lösung. Es müßten auch noch Produktqualität und Serviceorientiertheit hinzu kommen. Ein zumindest seltsames Verständnis von Nachhaltigkeit wird offenbar.

Auch andere Redebeiträge sind grenzwertig: Wir müssen irgendwann einmal auch über Verhaltensänderungen reden. Wie kann Nachhaltigkeit überprüft werden? Greenwashing ist keine Lösung, Nachhaltigkeit dürfe nicht zum Modetrend werden. Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeiten des Internets, um sich zu informieren. Ist Nachhaltigkeit wirklich das Erfolgsrezept? Es wird Gewinner der Situation geben.

Viel wird über Autos geredet, die gerade im Herzogpark, wo man wohnt, und in Kitzbühel, wo man viele Freunde hat, im Vergleich zum Smart, den man angeblich fährt, viel zu groß seien. Wir erfahren, dass von 500 Maseratis, die jährlich neu zugelassen werden, mehr als 300 als Dienstwagen genutzt würden. Natürlich folgt die Frage, wer solche Autos gewerblich nutzen kann. Natürlich folgt der Vorschlag, die Obergrenze für die steuerliche Absetzbarkeit z.B. bei 50.000 Euro zu ziehen. Man selbst verhalte sich übrigens vorbildlich, weil man seinen eigenen Dienstwagen, den man selbstverständlich zu Zeiten der Zugehörigkeit zu einer der großen Unternehmensberatungen gefahren hat, nicht zur Urlaubsreise nach Sardinien verwendet habe, sondern statt dessen klimafreundlicher (!) mit dem Flugzeig gereist sei. Das Eis wird dünn und dünner.

Schade, dass die vielen Unternehmen, die im Vorraum ausstellten und in einem kurzen Film vorgestellt wurden, in der Diskussion nicht als leuchtende Beispiele für nachhaltig denkende und handelnde Wirtschaftsteilnehmer herangezogen wurden. Schade, dass keine wirkliche Aufbruchsstimmung vermittelt wurde. Schade, dass der Begriff der Nachhaltigkeit so inflationär gebraucht wurde, aber so gut wie kein praktisches Beispiel für eine nachhaltige Wirtschaftsform angeführt wurde. Ist Nachhaltigkeit wirklich so theoretisch? Schade, dass kein Appell ans Auditorium vermittelt und unweifelhaft festgestellt wurde, dass es keine Alternative zur Nachhaltigkeit als Lebensform gibt. Denn das ist die Botschaft, die die Grüne Partei vermitteln will. Sie sollte sich hierbei allerdings nicht den Rat bei denen holen, die das nicht wirklich überzeugend leben – und auch entsprechend darstellen können.