16. August 2009

Klimawissen (Teil 2)

Der zweite Teil unserer dreiteiligen Abhandlung „Klimawissen“ beschäftigt sich mit konkreten Maßnahmen, die zum Klimaschutz beitragen. “Klimaneutralität” erhält hierbei ein gesondertes Unterkapitel. Vorab gehen wir jedoch kurz auf die Frage ein, warum man sich mit Klimaschutz beschäftigen muss.Warum Klimaschutz?Wenn man sich dem Klimaschutz widmet, sollte man sich über die damit verfolgten Ziele klar sein. Diese Feststellung klingt banal, denn schließlich scheint es um den „Klimaschutz an sich“ zu gehen, also um die individuelle Einsparung von CO2-Emissionen.Klimaschutz ist jedoch lediglich ein Teil des Umweltschutzes. Das impliziert, dass Maßnahmen, die unter Klimaschutzgesichtspunkten vielleicht sinnvoll erscheinen, immer auch daraufhin untersucht werden müssen, ob und in welchem Umfang sie andere Schutzgüter des Umweltschutzes beeinträchtigen.

Beispiel 1: Wasserkraft ist grundsätzlich eine saubere Form der Energieerzeugung. Wenn zu ihrer Erzeugung wie im Fall des Drei-Schluchten-Staudamms in China allerdings ganze Ökosysteme vernichtet werden, sind die ökologischen Kollateralschäden erheblich.

Schließlich hat eine unter Klima- und Umweltschutzgesichtspunkten sinnvoll erscheinende Maßnahme noch eine weitere Hürde zu nehmen. Sie muss den Ansprüchen der Nachhaltigkeit gerecht werden.Exkurs: NachhaltigkeitNachhaltigkeit (engl. „Sustainability“) ist vermutlich der am häufigsten falsch verstandene Begriff des noch jungen 21. Jahrhunderts. Er bedeutet, dass ein regenerierbares System in einer Weise genutzt wird, die gewährleistet, dass seine wesentlichen Eigenschaften erhalten bleiben und sein Bestand auf natürliche Weise nachwachsen kann.Der Begriff geht auf die Forstwirtschaft zurück, wurde 1560 erstmals in der Kursächsischen Forstordnung postuliert und begrifflich von Carl von Carlowitz im Jahre 1713 geprägt.Das Konzept der Nachhaltigkeit beruht nach allgemeinem Verständnis auf dem „Drei-Säulen-Modell“ des Einklangs von ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Nachhaltigkeit und ökonomischer Nachhaltigkeit.Ziel aus der Sicht des nachhaltig eingestellten Unternehmers ist damit ein ökologisch und sozial ausgerichtetes Unternehmen, also eine Wirtschaftseinheit, die die Bedürfnisse der heutigen Zeit so befriedigt, dass nachfolgende Generationen ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gesamtsystem vorfinden.An diesem Maßstab sind damit auch beabsichtigte Klimaschutzmaßnahmen zu messen.ZielkonflikteWer sich mit Klimaschutz beschäftigt, wird schnell mit vielen Entscheidungen konfrontiert, wenn es um die Frage nach der jeweils „besten Lösung“ geht. Konflikte sind im Klimaschutz vorprogrammiert. Einige Konflikte bestehen nur scheinbar und lösen sich auf, wenn man die zu Gebote stehenden Handlungsalternativen hinsichtlich ihrer ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgen untersucht. Bei wieder anderen Konflikten ist die Abwägung nicht so einfach und das persönliche Urteilsvermögen gefragt.Einige Beispiele mögen das illustrieren:

Beispiel 2: Wer bei einer sehr geringen jährlichen Fahrleistung vor der Frage steht, ob er sein drei Jahre altes Fahrzeug aus Gründen des Klimaschutzes gegen ein energieeffizienteres Neufahrzeug austauschen soll, wird bei genauerer Betrachtung vermutlich feststellen, dass die CO2-Emissionen, die bei der Herstellung des Neufahrzeuges entstehen, in keinem Verhältnis zu den einzusparenden CO2-Emissionen in Folge höherer Energieeffizienz stehen. Überdies würde das Altfahrzeug vermutlich nicht recycelt, sondern verkauft werden. Das würde wiederum bedeuten, dass das Altfahrzeug weiterhin CO2-Emissionen im bisherigen Umfang produzieren würde, wenn auch unter einem neuem Eigentümer. Die Anschaffung eines neuen Fahrzeuges wäre unter Klimaschutzgesichtspunkten also kontraproduktiv.

Beispiel 3: Wer vor der Frage steht, ob er aus Klimaschutzgründen lieber klimaneutrales Mineralwasser von den Fiji-Inseln, heimisches Mineralwasser oder Leitungswasser trinken soll, muss sich nicht erst mit dem Begriff der Klimaneutralität beschäftigen, um festzustellen, dass die Fiji-Inseln aus europäischer Sicht ziemlich weit weg sind. Die Frage, ob man Mineralwasser zur Deckung eines als vernünftig empfundenen Bedarfs wirklich vom Südpazifik nach Mitteleuropa befördern muss, drängt sich damit förmlich auf: Die Transportemissionen des Mineralwassers sind völlig unnötig und ihr Emissionsausgleich damit unerheblich. Deutlich besser wäre es gewesen, die Emissionen wären vermieden worden. Die zweitbeste Lösung ist heimisches Mineralwasser, denn dessen Verpackung und Transport gehen mit deutlich mehr Umweltbeeinträchtigungen einher als Leitungswasser, das übrigens in Deutschland nicht zu Unrecht Trinkwasser heißt. Wenn Sie aber Mineralwasser bevorzugen, kaufen Sie es bitte aus heimischer Quelle und in möglichst großen Verpackungseinheiten.

Beispiel 4: Das folgende Beispiel habe ich Fred Pearce’s sehr lesenswertem Buch „Viermal um die ganze Welt“ entnommen. Da ich das Buch gerade verliehen habe, muss ich das Beispiel rekonstruieren: Eine englische Biomarktkette schließt mit den Kleinbauern einer Kooperative an der Elfenbeinküste einen langfristigen Liefervertrag über ein nennenswertes Kontingent an Bio-Gemüse. Das Gemüse wird von den Kleinbauern angebaut, die von der Kooperative in der ökologischen Landwirtschaft ausgebildet werden und solchermaßen eine bescheidene, aber sichere Existenzgrundlage erhalten. Durch die Einrichtung wird zudem das Wissen und werden die Fertigkeiten um ökologische Landwirtschaft in der entsprechenden Region gefördert und an andere Kleinbauern vermittelt. Das Gemüse wird einmal wöchentlich in einem Frachtflugzeug nach England befördert. Würden Sie dieses Gemüse boykottieren? Das ist sicher ein Grenzfall. Ich würde das Gemüse kaufen, wenn ich die ganze Geschichte kennen würde. Würde ich nur das Etikett „Ursprungsland: Elfenbeinküste“ sehen, würde ich es vermutlich liegen lassen und auf die Zuckerschoten von der Elfenbeinküste verzichten.

Beispiel 5: Wir werden immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob Kernenergie unter Klimaschutzgesichtspunkten eine Lösung sei. Schließlich entstehen bei der Energieerzeugung durch Kernenergie keine Treibhausgasemissionen, was diese Form der Energieerzeugung gegenüber der Energieerzeugung auf Basis fossiler Energieträger vorzugswürdig erscheinen lässt. Kernenergie ist aber dennoch nicht die Lösung: Zwar geht die Atomstromerzeugung ohne Emissionen einher, aber die mit dem Betrieb von Kernkraftwerken, dem Uranabbau und der Entsorgung der Brennelemente verbundenen Beeinträchtigungen und Risiken für die Umwelt, das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung sind nicht hinnehmbar. Hinzu kommt, dass auch die Uranvorkommen endlich sind und die vorhandenen Uranreserven den gegenwärtigen Verbrauch nur mehr etwa 30 Jahre decken können. Atomkraft mag damit zwar unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung von Treibhausgasemissionen interessant erscheinen, ist aber weder mit ökologischer, noch mit sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit vereinbar.

Klimaschutzengagements von UnternehmenUnternehmen, die sich im Klimaschutz engagieren möchten, sind gut beraten, das Projekt mit einem konkreten Plan anzugehen. Üblicherweise gliedern sich entsprechende Projekte in fünf Teile:
  • Ermittlung der fossilen CO2-Emissionen des Unternehmens nach dem Greenhouse Gas Protocol
  • Definition einer Klimaschutzstrategie und der Klimaschutzziele
  • Definition der kurz-, mittel- und langfristig zu treffenden Maßnahmen einschließlich den Optionen klimaneutrales Unternehmen und/oder klimaneutrale Produkte
  • Umsetzung der Maßnahmen
  • Periodische Erfolgskontrolle und Berichterstattung sowie Anpassung der Strategie und Maßnahmen
Details hierzu stellen wir Ihnen im dritten Teil unserer Abhandlung „Klimawissen“ vor.Maßnahmen im KlimaschutzJeder Mensch und jedes Unternehmen kann durch entsprechendes Verhalten dazu beitragen, dass möglichst wenige Treibhausgase entstehen. Während bei Unternehmen die individuell geeigneten Maßnahmen stark von den unternehmens- oder branchentypischen Kernprozessen abhängen, ist bei Verbrauchern eher eine Verallgemeinerung der Empfehlungen möglich.Im Folgenden haben wir stichpunktartig einige der wichtigsten Maßnahmen im Klimaschutz aufgelistet, um Energie zu sparen und/oder den Verbrauch fossiler Energieträger zu reduzieren. Wenn Sie sich darüber wundern sollten, dass im Folgenden auch Maßnahmen empfohlen werden, die CO2-Emissionen durch die Verbrennung regenerativer Brennstoffe verursachen, so ist die Ursache hierfür darin zu sehen, dass diese CO2-Emissionen die CO2-Konzentration in der Luft nicht dauerhaft erhöhen: Wenn z.B. Holzpellets, Hackschnitzel, Biodiesel oder Rapsöl verbrannt werden, verbindet sich der in diesen Brennstoffen enthaltene Kohlenstoff (C) mit Sauerstoff (O2) zwar zu Kohlendioxid (CO2). Dieses Kohlendioxid haben die regenerativen Brennstoffe aber vorher beim Aufbau der jeweiligen Pflanze der Luft entzogen und im Wege der Photosynthese zu Sauerstoff und Kohlenstoff umgewandelt. Beide Vorgänge sind Teil des kurzfristigen („rezenten“) biochemischen Kohlenstoffkreislaufs und führen daher im Gegensatz zu den fossilen Vorgängen nach allgemeiner Ansicht nicht zu einer Erhöhung der CO2-Konzentration.Einige der folgenden Maßnahmen sind durch einfache Verhaltensänderungen zu bewirken, andere erfordern eine Anschaffung kleineren Umfangs, wieder andere eine wirkliche Investition. Die Maßnahmen sind entsprechend gekennzeichnet. Erklärungsbedürftige Stichworte sind mit Links zu Wikipedia versehen.

Fortbewegung

Heizen/Kühlen

Warmwasser

  • Duschen statt Baden (Verhaltensänderung)
  • Wassersparende Duschköpfe und Armaturen (kleinere Anschaffung)

Strom/Energieeffizienz

  • Umstellung auf Ökostrom (Verhaltensänderung)
  • Nutzung von Photovoltaik (Investition)
  • Durchführung einer betrieblichen Energieeffizienzanalyse (Investition)
  • Energetische Optimierung der Prozesse (Investition)
  • Nutzung energieeffizienter Geräte (Investition)

Haushalt

  • Waschmaschinen ohne Vorwäsche, bei niedrigen Temperaturen, bei Kurz- oder Energiesparwaschgang und voller Beladung nutzen (Verhaltensänderung)
  • Trockner vermeiden (Verhaltensänderung)
  • Spülmaschinen nur voll beladen und im Energiesparmodus starten (Verhaltensänderung)
  • Speisen mit geschlossenem Deckel kochen (Verhaltensänderung)
  • Zum Erwärmen von Wasser Wasserkocher und Tauchsieder verwenden (Verhaltensänderung)
  • Schnellkochtopf verkürzt Garzeiten und verringert den Energiebedarf (kleinere Anschaffung)

Beleuchtung

  • Energiesparlampen statt Glühbirnen verwenden (kleinere Anschaffung)
  • LED statt Halogenlampen verwenden (kleinere Anschaffung)

Computer und Kleingeräte

  • Notebooks sind deutlich sparsamer als Desktop-PCs (Investition)
  • Alle Verbraucher bei Nichtgebrauch vollständig abschalten und insbesondere Standby vermeiden (Verhaltensänderung)
  • Steckdosenleiste mit Schalter anschaffen und Verbraucher bei Nichtbetrieb vom Stromnetz trennen (kleinere Anschaffung)
  • Energiesparmodi der Computer nutzen (Verhaltensänderung)
  • Bildschirmschoner sind nutzlos, statt dessen den Bildschirm abzuschalten spart Strom (Verhaltensänderung)
  • Peripherie (Drucker, Scanner, etc.) nur bei Bedarf anschalten, ansonsten vollständig abschalten (Verhaltensänderung)

Konsum allgemein (Verhaltensänderungen)

  • Lokaler Bezug von Waren und Dienstleistungen spart Transportemissionen und fördert die regionale Wirtschaft
  • Kauf von Öko-, Bio- und Fair-Trade-Produkten fördert nachhaltige Wirtschaftsteilnehmer
  • Bevorzugte Berücksichtigung nachhaltig wirtschaftender Unternehmen als Lieferanten
  • Bevorzugte Verwendung von gebrauchten und recycelten Produkten
  • Bevorzugter Kauf von Produkten mit CO2-Fußabdruck und klimaneutralen Produkten
  • Kauf von Rohstoffen nur aus ökologisch und sozial unbedenklicher Herkunft bzw. zertifizierter Herkunft
  • Konsequente Abfallvermeidung und konsequentes Recycling schonen die Umwelt und das Klima
  • Zurückhaltung beim Konsum tierischer Produkte spart gleichfalls Emissionen ein
  • Vorausschauende Einkaufsfahrten vermindern Transportemissionen
  • Kauf angemessener Verpackungsgrößen zur Vermeidung unnötigen Abfalls
  • Verzicht auf unnötige Neuanschaffungen
Wir hoffen, mit dieser Liste die wichtigsten Maßnahmen im Klimaschutz erfasst zu haben. Sollten Sie weitere Maßnahmen für wichtig erachten, senden Sie uns bitte eine Nachricht.Insbesondere: „Klimaneutralität“„Klimaneutral“ ist ein erklärungsbedürftiger Begriff. Er ist gleichzusetzen mit den Begriffen „CO2-neutral“ oder dem englischen „carbon neutral“ und bedeutet, dass die als klimaneutral beschriebene Sache das globale CO2-Gleichgewicht nicht verändert.Das ist entweder dann der Fall, wenn – was selten ist – die Sache über ihren Lebenszyklus hinweg ohne die Freisetzung von Treibhausgasen und namentlich ohne CO2 aus fossilen Energieträgern auskommt. In allen anderen Fällen verursacht die Sache zwar Treibhausgasemissionen, die errechnete Menge an Treibhausgasen wird jedoch durch den Ankauf der entsprechenden Menge an Emissionsrechten ausgeglichen.Der Ausgleich der Emissionen ist also ein rechnerischer Vorgang: Die Treibhausgasemissionen entstehen unwiderruflich und werden in die Atmosphäre eingetragen. Um das globale CO2-Gleichgewicht hierdurch rechnerisch nicht zu belasten, müssen andernorts Treibhausgasemissionen in entsprechender Menge eingespart werden. Diese Einsparung kann nach dem Clean Development Mechanism des Kyoto-Protokolls z.B. dadurch bewirkt werden, dass in einem Staat, der sich nicht zur Verminderung seiner Emissionen verpflichtet hat, zusätzliche Maßnahmen getroffen werden, die zur Verringerung der Treibhausgasemissionen im entsprechenden Land führen. Diese Maßnahmen nennt man Klimaschutzprojekte. Sie haben zumeist die Errichtung und den Betrieb von Anlagen zur Erzeugung von Energie auf regenerativer Basis zum Gegenstand. In anderen Fällen wird die zusätzliche Einsparung von Emissionen durch Energieeffizienzmaßnahmen bewirkt.Da der Staat, in dem diese Projekte stattfinden, keine Klimaschutzziele nach dem Kyoto-Protokoll zu erfüllen hat, für die er die Emissionseinsparung benötigen würde, sind die Einsparungen demjenigen zuzurechnen, der die zusätzliche Maßnahme finanziell ermöglicht hat, also dem Investor in das zusätzliche Klimaschutzprojekt, der als Gegenleistung für sein Investment handelbare Emissionsrechte erhält und hiermit seine Emissionen mindert. Der Gedanke hinter dem Emissionshandel und dem Clean Development Mechanism ist einfach: Wenn im Land A zu den gleichen Kosten mehr Emissionen reduziert werden können als im Land B, dann schafft der Emissionshandel Anreize zu zusätzlichen Klimaschutzmaßnahmen im Land A, von denen auch das Land B profitiert, da es diese Emissionsminderung zugerechnet bekommt. Bildet sich für die Emissionsrechte ein Preis am Markt, kann anhand des Marktpreises einfach nachvollzogen werden, ob der Kauf von Emissionsrechten oder die Emissionsminderung jeweils wirtschaftlich (und ökologisch) sinnvoller ist. Eine sehr gute Zusammenfassung zum CDM befindet sich übrigens auf der Website der Energieagentur NRW.Zu den Klimaschutzprojekten muss man Folgendes wissen: Die Höhe der Emissionsrechte entspricht jeweils den Einsparungen, die das Klimaschutzprojekt erzielt hat. Wird im Zuge eines Klimaschutzprojektes z.B. eine Einsparung von 20.000 Tonnen CO2 erzielt, so darf diese Menge an Emissionsrechten in den Handel gebracht werden. Emissionsrechte lauten immer auf die Einheit „1 Tonne CO2“. Im vorliegenden Beispiel dürften durch das Klimaschutzprojekt also 20.000 Emissionsrechte verkauft werden.Um als Klimaschutzprojekt zugelassen zu werden, muss es sich um ein zusätzliches Projekt handeln. Diese Anforderung erklärt sich dadurch, dass alle ohnehin z.B. aus wirtschaftlichen Gründen bereits geplanten Klimaschutzprojekte in die Berechnung des Referenzszenarios eingeflossen sind. Das Referenzszenario gibt an, welche Treibhausgasemissionen im nach dem Kyoto-Protokoll relevanten Zeitraum zwischen 2008 und 2012 entstehen würden, wenn nicht die zur Emissionsverminderung verpflichteten Staaten zusätzliche Maßnahmen treffen würden.Die Emissionsrechte, die unter den genannten Voraussetzungen zum Handel zugelassen werden, sind nichts anderes als Verschmutzungsrechte. Jedes der (in unserem Beispiel) 20.000 Zertifikate berechtigt einmalig zur Produktion einer Tonne CO2-Emissionen. CO2 ist allerdings nur als „Leitwährung“ zu verstehen; selbstverständlich darf mit den Emissionsrechten auch die Entstehung der übrigen Treibhausgase kompensiert werden, die der Einfachheit halber lediglich auf CO2 umgerechnet werden. Unter CO2 ist aber selbstverständlich auch hier nur dasjenige CO2 zu verstehen, das auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückzuführen ist. CO2 aus der Verbrennung regenerativer Brennstoffe verändert das globale CO2-Gleichgewicht nicht und verpflichtet daher auch nicht zum Ausgleich.Klimaschutzprojekte und StandardsKlimaschutzprojekte, die nach dem im Kyoto-Protokoll vorgesehenen Mechanismus CDM zur Entstehung kommen, heißen „Certified Emission Reductions“ („CER“, zertifizierte Emissionsreduktionen). Sie wenden sich an die im Kyoto-Protokoll vorgesehenen Einrichtungen, die zur Emissionsreduktion verpflichtet sind, also in erster Linie an die beteiligten Vertragsstaaten. Dieser Markt wird auch Verpflichteter Markt (engl. „Compliance Market“) genannt.Unternehmen, deren industrielle Einrichtungen nicht dem Verpflichteten Markt unterliegen, werden als Teilnehmer des Freiwilligen Markts (engl. „Voluntary Market“) bezeichnet. Im Freiwilligen Markt spielen CERs kaum eine Rolle.Emissionsrechte, die im Freiwilligen Markt üblicherweise gehandelt werden, heißen „Verified Emission Reductions“ („VER“, verifizierte Emissionsreduktionen“). Da sie dem Kyoto-Protokoll nicht unterliegen, gibt es hierfür keinen überstaatlichen Standard mit Gesetzesrang. Allerdings haben Marktteilnehmer zwischenzeitlich einige Standardisierungsbemühungen angestrengt, als deren Folge sich die folgenden Kennzeichnungen eingebürgert haben, die für gute Qualität bei Emissionsrechten stehen:
  • VCS („Voluntary Carbon Standard“): Der Standard der VCS Association mit Sitz in Washington D.C., USA
  • VER+: Gemeinsam mit der Plattform „BlueRegistry“ der Standard des TÜV Süd e.V. mit Sitz in München
  • Gold Standard VER: Der bekannteste Standard im Freiwilligen Markt der Gold Standard Foundation mit Sitz in Genf, Schweiz
Diese Standards verbürgen ein Höchstmaß an Sicherheit und Qualität beim Handel mit VERs. Sie sind den Anforderungen des CDM angenähert.Klimaschutzprojekte, die diese Labels nicht tragen, müssen deshalb nicht minderwertig sein. Allerdings haben Sie bei anderen Projekten als solchen nach VCS, VER+ und Gold Standard VER nicht die Gewissheit, dass die strengen Prüfungskriterien dieser Labels zur Anwendung gelangen. In solchen Fällen müssen Sie sich selbst oder durch Ihre beauftragte Beratungsgesellschaft anhand der Unterlagen des Klimaschutzprojekts und vor allem anhand der am Klimaschutzprojekt beteiligten Gesellschaften und Einrichtungen ein Bild von dessen Qualität machen.Vorsicht ist geboten bei allen Klimaschutzvorhaben, die keine Verifizierung haben und sich weder mit erneuerbaren Energien, noch mit Energieeffizienz beschäftigen. Sie werden in aller Regel vom Betreiber des Projekts selbst beschrieben und berechnet. Eine Überprüfung dessen Kalkulationsgrundlagen durch einen externen Dritten hat üblicherweise nicht stattgefunden. Forstprojekte sind problematisch, da sich sowohl die Berechnung der Emissionsreduktion selbst, als auch deren Überprüfung („Monitoring“) schwierig gestaltet. Letzteres ist namentlich darauf zurückzuführen, dass die Emissionsreduktion anders als bei typischen Klimaschutzprojekten, nicht binnen kurzer Zeiträume, sondern erst nach mehreren Jahren oder gar Jahrzehnten einstellt. Allerdings gibt es auch einige renommierte Anbieter von Emissionsrechten, die sich auf Forstprojekte spezialisiert haben. Diese Einrichtungen tragen dem Umstand einer schwer kalkulierbarer Entwicklung des jeweiligen Forsts oftmals dadurch Rechnung, dass nicht alle aufgeforsteten Einheiten in den Handel gelangen, sondern ein bestimmter Prozentsatz an Bäumen (in der Regel 30%) als Sicherheit für alle etwaig eintretenden Eventualitäten dient.Anforderungen an KlimaneutralitätWer ein Unternehmen oder eine Sache klimaneutral zu stellen gedenkt, sollte die Komplexität dieses Vorgangs und dessen Erklärungsbedürftigkeit berücksichtigen. Transparenz ist daher das oberste Gebot.Als Vorüberlegung ist ferner zu berücksichtigen, dass klimaneutrale Produkte stets die Entstehung von Emissionen voraussetzen. Bevor also eine Sache durch den Kauf von Emissionsrechten klimaneutral gestellt wird, sollten alle zumutbaren Anstrengungen unternommen worden sein, um die Entstehung von Emissionen zu vermeiden und zu begrenzen. Erst dann sollte zum Instrument der Klimaneutralität gegriffen werden.Umgekehrt verbietet sich Klimaneutralität daher für alle Dinge und Tätigkeiten, die einen unvernünftig hohen Emissionsausstoß mit sich bringen. Wer z.B. Heizpilze („Outdoor Patio Heaters“) klimaneutral stellen möchte, hat das Prinzip Klimaschutz grundlegend missverstanden. Entsprechendes gilt für völlig überflüssige, aber emissionsintensive Freizeitbeschäftigungen, wie z.B. dem privaten Flug in einem MIG-Kampfjet. Ebenso unglaubwürdig ist die Klimaneutralisierung der Emissionen neu angeschaffter Fahrzeuge mit außergewöhnlich hohem Verbrauch.Wenn alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung von Emissionen getroffen wurden, gilt es im nächsten Schritt, die Treibhausgasemissionen eines Unternehmens oder einer Sache möglichst präzise zu berechnen.Bei Unternehmen sind zumindest alle Emissionen in die Berechnung einzubeziehen, die im Greenhouse Gas Protocol („GHG-Protocol“) unter Scope 1 und 2 aufgeführt sind. Unter Scope 1 versteht man alle direkten Treibhausgasemissionen eines Unternehmens, z.B. durch die Verbrennung von Treibstoffen, Heizöl oder Erdgas. Treibhausgasemissionen, die unter Scope 2 fallen, sind die indirekten Emissionen, die mit dem Kauf von Energie einher gehen (Strom, Hitze, Dampf). ClimatePartner errechnet darüber hinaus auch einige der im GHG-Protocol unter Scope 3 aufgeführten Emissionsquellen, wie z.B. die An- und Abreise der Mitarbeiter, Transportemissionen für Waren, Dienstreisen (Flüge, Bahnfahrten, Taxis, Mietfahrzeuge), Reinigung, Entsorgung und aus weiteren indirekten Emissionsquellen.Diese Berechnung erfolgt stets mit einem unternehmensindividuellen Erhebungsbogen, anhand dessen das jeweilige Mengengerüst präzise ermittelt wird. Das Mengengerüst wird danach plausibilisiert und mit Werten unterlegt, die öffentlichen Emissionsdatenbanken entnommen wurden. Die bedeutsamste Datenbank für Treibhausgasemissionen ist GEMIS vom Öko-Institut. GEMIS steht für Globales Emissions-Modell Integrierter Systeme.Auf der Grundlage des Mengengerüsts unter Berücksichtigung aller nach GHG-Protocol relevanter Emissionsquellen und nach dessen Anreicherung mit Werten anhand GEMIS und anderer Datenbanken entsteht die Emissionsübersicht, auch CO2-Bilanz oder CO2-Fußabdruck genannt. Sie bezieht sich in der Regel auf das gesamte Unternehmen und jeweils ein Kalenderjahr. Die Systemgrenzen, also die Reichweite der Emissionsermittlung nach GHG-Protocol, sind in der zusammenfassenden Übersicht ebenso angegeben wie die Reichweite des CO2-Fußabdrucks innerhalb des Unternehmens sowie die Periode, für die er erstellt wurde.Die relevanten Treibhausgasemissionen eines Unternehmens sind in aller Regel ohne größere Komplikationen hinsichtlich ihrer Emissionsquellen zu erfassen und zu quantifizieren.Ungleich komplexer ist die korrekte Bemessung der Treibhausgasemissionen einer Sache („Product Carbon Footprint“). Dies hat im Wesentlichen zwei Gründe:Anders als beim CO2-Fußabdruck eines Unternehmens, der für eine bestimmte Periode erstellt wird, ist bei der Ermittlung einer Sache auf deren Lebenszyklus abzustellen. Die Betrachtung erfolgt damit „von der Wiege bis zur Bahre“. Sie beginnt bei den Rohstoffen und deren Förderung, geht über Halbteile bis zu deren Zusammenfügung, berücksichtigt alle hierbei und auch später anfallenden Transportemissionen, die Emissionen des bestimmungsgemäßen Gebrauchs bis hin zu den Emissionen, die beim Recycling oder einer anderweitigen Endverwertung (z.B. thermische Verwertung) entstehen.Hieraus wird klar, dass die Ermittlung der relevanten Treibhausgasemissionen komplex zusammengesetzter Sachen einen erheblichen Erhebungsaufwand bedeutet, denn sie bedeutet im Idealfall die Kenntnis der konkret am Fertigungs-, Distributions-, Nutzungs- und Recyclingprozesses beteiligten Unternehmen, deren Treibhausgasemissionen sowie des Schicksals der Sache selbst.Da die Teilnehmer der Fertigungsstufen industriell gefertigter Produkte z.T. überdies auch noch dem Austausch unterliegen, halten wir es für ein Ding praktischer Unmöglichkeit, z.B. die Treibhausgasemissionen der Fertigung z.B. eines Kraftfahrzeuges halbwegs genau zu ermitteln. Ein so angestrengter CO2-Fußabdruck z.B. eines Audi A4 Avant hinge zudem von so vielen Merkmalen der Sonderausstattung ab, dass er vermutlich im Zeitpunkt seiner Erstellung schon nicht mehr aussagekräftig wäre, weil hier, da und dort der Zulieferer für bestimmte Bauteile ausgewechselt wurde oder aber seinerseits die eigenen Emissionen erhöht oder gesenkt haben könnte.Es verwundert daher nicht, dass „Product Carbon Footprinting“ sich zwar derzeit thematisch einer besonderen Beliebtheit erfreut, dass es allerdings für noch nicht allzu viele Produkte eine entsprechende Kennzeichnung gibt.Dies liegt nur zum Teil daran, dass die verschiedenen Standardisierungsbemühungen rund um Product Carbon Footprints derzeit international noch andauern. Als wichtigste Initiative hierfür sehen wir in Deutschland die PCF-Initiative an, am weitesten fortgeschritten ist Großbritannien mit PAS 2050, international ist das PCF World Forum von Bedeutung, während ISO- und DIN-Normen zur allgemeingültigen Berechnung von CO2-Bilanzen für Unternehmen und Produkte derzeit noch ausstehen.Auf der Basis so erstellter Berechnungen zur Treibhausgasrelevanz von Unternehmen, Produkten oder Dienstleistungen erfolgt dann der Ausgleich der ermittelten Emissionen entweder je Kalenderjahr (bei Unternehmen) oder je Produktion (bei Sachen) durch den Ankauf von Emissionsrechten, die in der Folge verbraucht sind und dem Handel zu entziehen sind.