29. November 2009

“Das Bessere ist der Feind des Guten”

Gerriet Harms hat sich die Mühe gemacht, sich hier im Blog in einem Kommentar kritisch zum FSC zu äußern. Wir sind für kritische Auseinandersetzungen mit herausfordernden Themen unserer Zeit sehr dankbar und nehmen seine Kritik zum Anlass für einer Replik auf seinen Kommentar.

Gerriet Harms fordert uns in seinem Kommentar dazu auf, die Fakten rund um den FSC zu überprüfen, anstatt – ich zitiere wörtlich – “solch einen Unsinn blind zu glauben”. Der FSC sei “nichts als Fassade, Greenwashing um jeden Preis”.

Wir sind der festen Überzeugung, dass der FSC eine gute Einrichtung ist. Dies impliziert nicht zugleich die Behauptung, der FSC sei die ideale Einrichtung um nachhaltige Forstwirtschaft. Jeder, der Dr. Uwe Sayer und die Mitarbeiter, Förderer und Organvertreter des FSC Arbeitsgruppe Deutschland persönlich kennt, wird mir folgen, wenn ich sage, dass die Glaubwürdigkeit des FSC im Wesentlichen auch der Kritikfähigkeit zu verdanken ist, die den FSC auszeichnet.

Gerriet Harms, eine Behauptung wird nicht dadurch richtiger, dass man sie in starke Worte packt. Ich nehme Ihnen ab, dass Sie sich aus ehrlicher Überzeugung, engagiert und wohlüberlegt für Ihre Ziele einsetzen. Sie können allerdings davon ausgehen, dass wir das auch tun – und nicht Meinungen blind und ungeprüft übernehmen:

Anfang des Jahres waren wir versucht, verschiedene Forstzertifikate in unsere Arbeit einzubeziehen, um solchermaßen die Dringlichkeit des Problems unseren Kunden und Partnern besser zugänglich machen zu können. Hierauf wurden wir zu einem Gespräch mit Vertretern einer Reihe von NGOs geladen und gebeten, unsere Position zu überdenken. Der Sache sei mehr dadurch gedient, dass man sich – auch angesichts etwaiger Defizite – für das beste System entscheide, das es im Markt gebe. Der FSC, um einem dahin gehenden Einwand zu begegnen, saß nicht mit am Tisch.

Wir haben hierauf die in Zentraleuropa vertretenen Forstzertifikate einer sehr genauen und sehr kritischen Gegenüberstellung unterzogen und uns – auch angesichts einer Reihe von Kritikpunkten – für den FSC entschieden. Nichts daran ist “blind”, sondern das Ergebnis eines aufwändigen Prozesses. Die Entscheidung für den FSC besagt im Übrigen nicht, dass wir der Meinung seien, dass der FSC das ideale System sei, das Nachhaltigkeit und Legalität in jedem Einzelfall garantieren könne. Die Entscheidung besagt, dass der FSC eine gute Einrichtung ist und – unserer Meinung und Überzeugung nach – im relativen Wettbewerb die beste, die es derzeit gibt. Die Entscheidung für die Untersützung des FSC fiel aber aus einem anderen Grund: Es ist das System, von dem wir überzeugt sind, dass es zu unserem Verständnis von Nachhaltigkeit am besten passt und dasjenige, das weltweit die höchste Aussicht auf breite Akzeptanz finden kann.

Würden wir Ihren kritischen Maßstab anlegen, müssten wir vermutlich auch zu dem Ergebnis gelangen, dass wir keines der Waldzertifikate unterstützen. Würden wir diesen kritischen Maßstab anstellen, würden wir auch keine anderen Organisationen unterstützen. Vermutlich würden wir diesen Maßstab dann auf unsere eigene Tätigkeit anstellen und diese in der Konsequenz vielleicht auch einstellen.

Eine Einrichtung ist aber nicht deshalb schlecht, weil sie missbraucht wird. Krankenversicherung und Sozialhilfe werden ausgenutzt und missbraucht. Gleichwohl handelt es sich um gute Systeme. Der Emissionshandel wird sicher hier und da missbraucht. Dennoch ist der Emissionshandel ein gutes System. Der FSC wird vermutlich auch missbraucht. Dennoch handelt es sich um ein gutes System.

Keines dieser Systeme ist ideal. Ideal wäre im Übrigen eine Situation, in der wir weder Krankenversicherung, Sozialhilfe, Emissionshandel oder den FSC bräuchten. Nun leben wir aber in einer Welt, die von ihrem Idealbild weit entfernt ist. Es gibt Krankheit, es gibt Armut, es gibt globale Erwärmung, es gibt Raubbau bei unseren Ressourcen.

In dieser Situation kann man zwei Dinge tun: Lediglich eine ideale Einrichtung gestatten, um der jeweiligen Probleme vollständig Herr zu werden oder aber gute Einrichtungen akzeptieren, die die Situation zu verbessern geeignet sind und sein Möglichstes zur Verbesserung der “guten Einrichtungen” tun.

Auf Voltaire geht der Satz zurück: “Das Bessere ist der Feind des Guten.” Dieser Satz impliziert das Postulat nach ständiger Verbesserung bis hin zur Perfektion gleichermaßen wie den Wunsch nach einer Annäherung an das, was uns in der jeweiligen Situation als Ideal erscheinen mag.

Dieser Satz ist der Umkehrung zugänglich und diese Umkehrung ist für mich ein Gebot praktischer Vernunft: “Das Gute ist der Feind des Schlechteren.” Wir leben in einer Welt, die sich ernsthaft mit Untergangsszenarien auseinandersetzt. Wir vergiften das Wasser, verpesten die Luft, verschwenden unsere Ressourcen und gefährden unsere eigene Existenz gleichermaßen wir die der meisten anderen Lebewesen auf diesem Planeten.

Wir sind also so weit von einem Idealbild entfernt, dass es keineswegs darum geht, auf breiter Basis eine Abkehr zum Guten zu Gunsten des Besseren zu postulieren. Es geht vielmehr darum, eine Abkehr vom Schlechteren zu Gunsten des Guten durchzusetzen.

Diese Differenzierung mag Ihnen vielleicht philosophisch oder spitzfindig oder – je nach Geschmack – auch wortklauberisch vorkommen, was ich damit meine, ist aber Folgendes:

Angesichts der dringenden Notwendigkeit, auf breiter Basis Akzeptanz für gute Verhaltensweisen zu schaffen, ist die Orientierung am Ideal ein unerfüllbares Postulat. Wenn diese Orientierung am Ideal dazu führt, dass gute (im Sinne von: “weniger schlechte”) Verhaltensweisen sich nicht schnell durchsetzen, haben wir unsere letzte Chance auf den Erhalt unserer Spezies auf diesem Planeten verspielt.

Gebotene Verhaltensänderungen (hin zum “guten Verhalten”, nicht “zum idealen”) müssen sich am praktisch Machbaren und damit auch an der Trägheit der Masse orientieren. Entsprechende Aufrufe müssen daher zum Mitmachen animieren, anstatt die Adressaten zu verunsichern. Was ich damit meine, will ich an ein paar Beispielen illustrieren:

Umstellung auf Ökostrom

Ich habe das hier im Blog schon mehrfach vorgetragen. Es geht bei der Bekämpfung des Klimawandels im Wesentlichen um die Energiewende, also um die Abkehr von fossilen Energieträgern. Diese Abkehr macht eine Förderung der Energieerzeugung auf regenerativer Basis erforderlich – und zwar in einem Maße, das gigantisch erscheinen mag und womöglich auch mit Technologien, die wir heute noch nicht kennen.

Um diese Förderung zu ermöglichen, kann man eine gebotene Verhaltensänderung dadurch schlagwortartig zusammenfassen, dass man die Forderung aufstellt: “Stellen Sie unverzüglich auf Ökostrom um.”

Dahinter stehen natürlich auch Markterwägungen. Je mehr Ökostrom nachgefragt wird, um so eher finden sich die jetzt am Markt vorhandenen Energieerzeuger zu Investitionen in neue Technologien bereit. Je mehr Ökostrom nachgefragt wird, um so mehr Unternehmer finden sich zu Investments in neue Energieanbieter bereit. Je mehr Ökostrom nachgefragt wird, um so mehr Geld wird für Forschung und Entwicklung aufgebracht. Eine gute Sache.

Immer, wenn man diesen einfachen Satz “Stellen Sie unverzüglich auf Ökostrom um!” in einer beliebigen Runde äußert, findet sich aber jemand, der es besser weiß oder höhere Standards fordert.

Ökostrom darf dann nur von bestimmten Anbietern bezogen werden, nämlich den sogenannten Unabhängigen. Ökostrom darf nur mit bestimmten Technologien erzeugt werden, welche das sind, variiert. Ökostrom muss zertifiziert sein nach irgendeinem Label, hiervon gibt es mehrere.

Wenn all diese Diskussionspunkte durch sind, findet sich meist ein anderer, der meint, wenn alle Menschen dieser Welt jetzt auf Ökostrom umstellen würden, würde die Welt aus den Fugen geraten, was vermutlich stimmt, aber eine völlig irreale Annahme ist, weil (1) nicht die ganze Welt in der selben logischen Sekunde auf Ökostrom umstellen wird, es (2) in den meisten Regionen dieser Welt andere Sorgen gibt als die der Nutzung sauber erzeugten Stroms und weil (3) in derzeit nur wenigen privilegierten Regionen dieser Erde überhaupt eine entsprechende Wahlmöglichkeit besteht.

Wenn diese Diskussion dann durch ist, kommen wieder andere, die über die angeblich schlechte energetische Bilanz von Windkraft fabulieren und behaupten, es würde mehr Energie zur Herstellung der Windkraftwerke benötigt, als diese in der Folge erzeugen würden.

Spätestens dann kommt eine Wortmeldung des Inhalts, Nuklearenergie sei klimafreundlich.

Wenn dann alle ihre Meinung vorgetragen haben und die Runde auseinander geht, ist eines geschaffen: Breite Verunsicherung. Niemand wird diese Runde zum Anlass nehmen, auf Ökostrom umzustellen.

Ich halte es für ein Gebot praktischer Vernunft und angewandten Verantwortungsbewusstseins, deshalb bedingungslos an dem einfachen Satz “Stellen Sie unverzüglich auf Ökostrom um!” festzuhalten, anstatt ihn zu zerreden, aufzuweichen und zu relativieren.

Emissionshandel

Mehr in unserem ureigenen Betätigungsfeld ist das nächste Beispiel angesiedelt: Man kann die Energiewende auch dadurch unterstützen, dass man sich des CDM bedient und es für guten Standard erklärt, “entstandene Emissionen auszugleichen”. In dieser Einfachheit ist das zunächst einmal jedem nachvollziehbar.

Man erklärt also den Emissionshandel und weist darauf hin, dass er eine ökonomische Art ist, Emissionen, die entstehen, durch Emissionen, die anderweitig nicht entstehen, zu verrechnen. Man erklärt, dass diese Methode des Umgang mit Emissionen der “dritte Weg” ist, der bevorzugt dann eingeschlagen werden sollte, wenn Möglichkeiten zur Vermeidung und Verringerung von Emissionen ausgeschöpft sind. (Zur Erklärung: Keiner unserer Kunden muss Emissionen ausgleichen. Wir sind im Freiwilligen Markt tätig.)

Der Mechanismus ist bestechend einfach, wenn man einmal ein paar Grundlagen geklärt hat. Er ist nicht ideal. In einer idealen Welt bräuchten wir ihn übrigens nicht, denn da gäbe es das Problem der Erderwärmung nicht. Aber der Mechanismus funktioniert, was man am Beispiel ungezählter Anlagen zur sauberen Erzeugung von Energie ablesen kann, die durch ihn geschaffen wurden.

Ungeachtet dessen wird dieser Mechanismus immer und immer wieder als “Greenwashing” oder “Ablasshandel” diskreditiert. Das wird zwar in aller Regel nicht begründet, aber dennoch laut vorgetragen.

Man muss nicht allzu viel von Mathematik und Klimaschutz verstanden haben, um die dem Emissionshandel zu Grunde liegende Mechanik (und Marktmechanik) zu begreifen. All unsere industriellen Tätigkeiten sind mit der Entstehung von Emissionen verbunden. Manche mehr, manche weniger, aber hier geht es zunächst einmal ums Prinzip, denn es gibt im Umgang mit diesen Emissionen zwei alternative Verhaltensweisen:

Man kann diese Emissionen durch Emissionshandel ausgleichen oder man kann es lassen.

Wenn ich mir beide Alternativen besehe, dann muss ich namentlich aufgrund meiner Kenntnis von zahlreichen Anlagen, die in Entwicklungs- und Schwellenländern durch den Emissionshandel mitfinanziert wurden und dort für sauber erzeugte Energie und Arbeitsplätze in Zukunftsindustrien sorgen, zu dem Ergebnis gelangen, dass Emissionshandel gut ist – und im Vergleich zum Alternativverhalten (kein Emissionsausgleich) überdies das bessere Verhalten angesichts der konkret im Raum stehenden Emissionen.

Jeder, der die vier Grundrechenarten auf diese Konstellation anwenden kann, wird meine Meinung nachvollziehen. Ungeachtet hiervon wird auch dieses tendenziell gute Verhalten immer und immer wieder schlecht geredet. Von der pauschalen Behauptung, es handele sich um “Ablasshandel” oder “Greenwashing” über die Forderung, der Ausgleich dürfe nur in bestimmten Regionen erfolgen bzw. in bestimmten Ländern nicht, über die Empfehlung, nur bestimmte Technologien zu unterstützen bzw. andere Technologien nicht bis hin zur Diskussion der angeblich so erheblichen Unterschiede der verschiedenen Standards, die es bei Klimaschutzprojekten angeblich gebe.

Weiter weg von der Sache wird argumentiert, wenn man den Emissionshandel unzulässigerweise in Konkurrenz zu anderen Verhaltensweisen stellt (manchmal bis hin zur Aufgabe des Geschäftsbetriebes). Beim Emissionshandel geht es primär um die Frage, ob konkret entstandene Emissionen auszugleichen sind oder nicht. So digital ist das manchmal.

Durch derlei Diskussionen kann man eine tendenziell gute Sache durch eine vermeintlich am Ideal ausgerichtete Orientierung so lange zerreden, bis am Ende des Tages die Verunsicherung so weit Platz gegriffen hat, dass niemand mehr freiwillig zum Werkzeug des Emissionshandels greifen möchte.

Was hat man damit erreicht? Streng mathematisch gesehen zunächst einmal weniger Emissionsausgleich. Da mit den Emissionszertifikaten Anlagen zur sauberen Erzeugung von Energie mitfinanziert werden, geht mit der Verunsicherung auch ein Weniger an Unterstützungsleistungen für solche Projekte einher.

Wir bleiben daher bei dem einfachen Aufruf: “Gleichen Sie entstandene Emissionen bitte aus.”

Zusammenfassung

Wenn sie mir bis hierher gefolgt sind (vielen Dank dafür), dann möchten sie vermutlich jetzt noch wissen, was meine Empfehlung in dieser konkreten Situation ist.

Ich rufe diejenigen, die sich kritisch mit Themen wie “Nachhaltigkeit” und “Klimaschutz”  beschäftigen, zunächst einmal dazu auf, ihre Position zu bestimmen. Vermutlich werden Sie dabei feststellen, dass Sie einen nicht unerheblichen Vorsprung zu Ihren Mitmenschen haben, die sich mit diesen Themen noch nicht so intensiv wie Sie auseinandergesetzt haben. Vermutlich sind Sie weit vorne – oder weit weg, je nachdem, wie man es betrachtet.

Sodann bitte ich Sie, sich zu überlegen, wie weit Ihre Position vom gelebten Status Quo entfernt ist und ob es Ihrer Auffassung nach vertretbare Positionen gibt, die gegenwärtig aufgrund verschiedenster Einflussfaktoren (allen voran Gesetzgebung und Märkte) eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Gehör und Anwendung zu finden und die diejenigen Ihrer Ziele zu fördern geeignet sind, die Sie für erstrebenswert erachten. Manche dieser Positionen mögen Ihnen als “nur der halbe Weg” erscheinen, aber das ist doch immerhin schon etwas.

Als dritten Schritt würde ich mir wünschen, dass Sie Organisationen und Einrichtungen akzeptieren, die diese Positionen unterstützen und fördern, anstatt sie pauschal zu diskreditieren. Denn damit verunsichern Sie womöglich die breite Masse, die es noch zu überzeugen gilt, anstatt sie zu einem guten Verhalten zu motivieren. Unsere aktuellen Herausforderungen benötigen schlaue und dynamische Allianzen. Unsere Herausforderungen vertragen keine idealistische Besserwisserei der Avantgarde.

Ich verlange von Ihnen nicht, dass Sie kritiklos Positionen und Einrichtungen fördern, die Sie nicht vertreten. Ich verlange aber von Ihnen, dass Sie Ihre Kritik an den Zielen orientieren, die Sie vertreten. Und diesen Zielen ist vermutlich mehr gedient, wenn hier und da auch einmal ein Zugeständnis an die Realisierbarkeit gemacht wird oder Sie in Rechnung stellen, dass es noch ein weiter Weg ist, den wir zu gehen haben.

Wie das geht, machen uns derzeit Aktionen wie tcktcktck oder 350 vor, denen es gelingt, viele (sehr unterschiedliche) NGOs, zahlreiche Unternehmen und Millionen von Menschen hinter sich zu scharen. Was macht den Erfolg dieser Einrichtungen aus? Eine einfache Botschaft, ein klares Ziel und die ehrliche Anerkennung all derer, die sich hierfür redlich einsetzen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

Ihr

Alexander Rossner