12. September 2012

Über die sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels am Großglockner

Dr. Klaus Reisinger, Geschäftsführer der ClimatePartner Austria GmbH, berichtet von seiner Besteigung des Großglockners, Österreichs höchstem Berg und den atemberaubenden, aber auch alarmierenden Beobachtungen, die er dabei machte.

Es war schon immer ein langgehegter Wunsch von mir einmal auf den Großglockner, dem höchsten Berg der österreichischen Alpen, zu stehen. Immer wieder wurden Wochenenden für diese Besteigung reserviert, aber immer wieder kam etwas dazwischen. Einmal war schlechtes Wetter, einmal hatte ich aus beruflichen Gründen keine Zeit, einmal konnte ich keinen meiner Freude überreden mit mir aufzusteigen und so verging die Zeit. Als mein kleiner Bruder seinen 40er feierte und wir auf die Idee kamen, ihm die Großglockner-Besteigung (Bergführer, Übernachtungen, Verpflegung, …) zu schenken, war die Sache für mich ganz klar: Ich musste mitgehen und mit ihm gemeinsam am Glockner stehen.

Nachdem ich mich ja auch schon seit vielen Jahren mit dem Thema Klimaschutz auseinander setze und auch bei meiner Vorlesung zum Thema Klimaschutz an der Burgenland Universität Fotos von Gletscherschmelzen verwende, wollte ich die Gelegenheit nutzen und mir auch ein Bild über die Situation an der Pasterze dem höchstgelegenen Gletscher in Österreich machen.

Also ging es mit meinem Bruder und 2 weiteren Freunden nach Kals in Kärnten, wo wir die erste Nacht auf ca. 1.900 Höhenmeter verbringen konnten. Diese Hütte gleicht eher einem Hotel als einer Berghütte und bietet viele Annehmlichkeiten, wie fließendes Wasser, Duschen, Restaurant und vor allem gute Betten, sodass wir gut ausgeruht am Samstagmorgen starten konnten. Der erste Aufstieg erfolgte in leichtem Gelände, zügig gewannen wir Höhenmeter um Höhenmeter, um bereits zu Mittag auf 2.500 Meter eine kurze Rast einlegen zu können. Dort lernten wir auch unseren Bergführer Hans kennen, welcher uns ruhig und souverän durch die nächsten Tage führte. Mit ihm gemeinsam ging es langsam aber stetig auf 3.400 Höhenmeter, wo wir auf der Erzherzog Johann Hütte, der höchstgelegenen Hütte Österreichs ein weiteres Mal übernachteten. Von dort aus hat man (wir hatten perfektes, wolkenloses Wetter) einen fantastischen Blick über die Bergwelt der Hohen Tauern und von dort aus sieht man eben auch sehr gut auf die Pasterze.

Der Ausblick auf die Pasterze war beeindruckend und erschreckend zugleich: Gigantisch liegt der Gletscher vor uns, an der Oberfläche zum Großteil weiß, trägt er doch sehr viele Steine, Geröll und Schmutz mit sich mit, welches sich langsam den weiten Weg in das Tal bahnt. Besonders alarmierend aus der Sicht eines früheren Klimaforschers ist aber der Blick auf das Gletscherende. Dieses ist in den letzten Jahren offensichtlich so stark zurück gegangen, dass die Mitte des 20ten Jahrhunderts (also eigentlich geschichtlich gesehen vor einigen Augenblicken) errichtete Schrägseilbahn mittlerweile mitten im Felsen aufhört. Aus heutiger Sicht wundert man sich sehr, warum die Seilbahn einfach irgendwo aufhört, wo jetzt der Berg völlig freigelegt ist, erst nach Information von älteren Bergsteigern erfährt man, dass sich dort (bei der Talstation) einmal der Gletscheranfang befunden haben soll. Unglaublich, wie sehr sich der Gletscher also in wenigen Jahren zurückgezogen hat; die Seilbahn gibt Zeugnis von einem rasant voranschreitendem Gletscherschwund, welcher mit Worten sehr schwer zu beschreiben ist. Die Pasterze ist immer noch ein beeindruckendes Naturschauspiel, wie beeindruckend muss dieser mächtige Gletscher erst in der Vergangenheit gewirkt haben. Fasziniert von dem Bergpanorama, von dem Gletscherblick und von der untergehenden Sonne, wende ich mich wieder dem Gipfel des Glockners zu: dieser liegt nur mehr etwa 400 Höhenmeter vor uns und scheint sehr nahe, trotzdem überkommt einem eine gewisse Ehrfurcht, auch das Wissen darüber, dass es auch heuer wieder Todesfälle am Berg gegeben hat, tut das seinige zum Respekt vor dem Berg bei.

Dr. Klaus Reisinger mit Blick auf die Pasterze

Zeitig am Morgen geht es los: 5 Uhr Tagwache, 6 Uhr Ausrüstungs-kontrolle und wenige Minuten später Abmarsch auf den höchsten Berg des Landes. Es ist anstrengender als erwartet, eine Seilsicherung ist unbedingt notwendig, mit dem kleinen Glockner wird der Vorgipfel nach etwa 2 Stunden erreicht. Jetzt geht es nochmals bergab und dann entlang dem Gipfelgrad zum höchsten Punkt, rechts und links geht es etwa 1.500 Meter hinunter, aber die Seilschaft bewegt sich auch dann gleichmäßig und sicher nach oben, wenn andere Bergsteiger bereits vom Gipfel retour kommen. Das Ausweichen stellt uns am schmalen Gipfelgrad mehrmals vor Herausforderungen, aber schließlich ist es so weit: Wir haben gegen 9 Uhr den Gipfel erreicht und posieren stolz für das Gipfelfoto, ein tolles Gefühl. Die Anspannung lässt aber erst dann nach, als wir schließlich wieder zurück in der Erzherzog Johann Hütte sind (wie gut wäre jetzt fließendes oder gar warmes Wasser). Der weitere Abstieg ist bereits Routine, gesund, unverletzt und glücklich erreichen wir am frühen Nachmittag unseren Ausgangspunkt auf ca. 1.900 Höhenmeter. Es bleiben schöne Momente, tolle Fotos, erfreuliche Erinnerungen und die Erkenntnis, dass der Klimawandel kaum besser als anhand von Gletscherfotos veranschaulicht werden kann.

Irgendwann komme ich sicher hier nochmal zurück.

Klaus Reisinger