11. November 2016

Und jetzt auch noch Klimaneutral? Wie der Klimaschutz in kurzer Zeit die Lebensmittelbranche erfasst

IMG_2110Bio, Fairtrade oder regional – in der Lebensmittelbranche haben Siegel und Zertifizierungen seit einigen Jahren Auftrieb. Aus gutem Grund, denn die Lieferketten für Lebensmittel sind heute global und hochkomplex. Ohne klar erkennbare Siegel und Zertifizierungen wäre es für die Verbraucherinnen und Verbraucher daher kaum möglich, die Qualität der Ware und die Herstellungsbedingungen zu beurteilen. Auch viele Discounter bieten heute ganz selbstverständlich Bio- und Fairtradeprodukte an.

Relativ neu ist hingegen der Trend zu klimaneutralen Produkten und zu Klimaschutz in der Lebensmittelbranche insgesamt. Zwar gibt es bereits seit vielen Jahren Initiativen einzelner Hersteller, die einen Teil ihrer Produkte klimaneutral anbieten. Neu ist dabei jedoch, dass sich führende Handelsketten intensiv dem Klimaschutz verschrieben haben und das Thema auch nach und nach in ihren Lieferketten forcieren. Beispielsweise hat die Hofer KG in Österreich im letzten Jahr eine umfangreiche Klimaschutzstrategie entwickelt und setzt auch im Sortiment vermehrt auf klimafreundliche und klimaneutrale Produkte. ALDI Süd wird 2017 klimaneutral. Und auch kleinere Handelsketten – etwa die Bio Company aus Berlin – bieten Teile ihrer Eigenmarken bereits klimaneutral an.

Diese Entwicklung stellt auch die Zulieferer großer Handelsketten vor neue Herausforderungen, denn nur sehr wenige Lebensmittelhersteller oder -importeure sind heute in der Lage, die CO2-Emissionen ihrer Produkte auszuweisen. Genau dies wird jedoch zunehmend vom Lebensmitteleinzelhandel gefordert. Immer häufiger werden Zulieferer heute aufgefordert, im Rahmen von Ausschreibungen oder Lieferantenbefragungen die CO2-Bilanz ihrer Produkte nachweisen und Informationen zu eigenen Klimaschutzmaßnahmen aufzubereiten. Dabei geht es nicht nur um den eigenen Energiebedarf, sondern insbesondere auch um die CO2-Emissionen, die in der eigenen Lieferkette entstehen – beispielsweise durch eingekaufte Rohstoffe, Verpackungsmaterialien oder Transporte. Gerade im Private Label Segment ist zudem zu erwarten, dass Produkte künftig direkt klimaneutral ausgeschrieben werden.

Doch auch nachgelagerte Wertschöpfungsstufen sind zunehmend in der Pflicht. Insbesondere Verpackungshersteller sollten heute in der Lage sein, ihre Produkte auf Wunsch klimaneutral anzubieten und gemeinsam mit ihren Kunden an nachhaltigeren Verpackungskonzepten zu arbeiten. Dazu gibt es im Markt schon zahlreiche Beispiele – von klimaneutralen Eierkartons bei Lidl Schweiz bis hin zu Naturkosmetik in klimaneutraler Verpackung. Dieser Schritt ist nur logisch, denn ein klimaneutrales Produkt sollte natürlich auch klimaneutral verpackt sein. Schon heute bieten etwa 50 Verpackungshersteller gemeinsam mit ClimatePartner klimaneutrale Verpackungen an – ein Trend, der sich unserer Einschätzung nach in den nächsten Monaten deutlich verstärken wird. Das gleiche gilt für Druckprodukte und Marketingmaterialien, die heute schon vielfach klimaneutral gedruckt werden – etwa bei Kaiser’s Tengelmann oder der Bio Company.

Vielen Unternehmen ist unklar, wie sie diesen neuen Anforderungen begegnen sollen. Neben allen anderen Zertifizierungen und Audits, die jedes Jahr aufs Neue anstehen, muss man sich nun auch noch um das Thema CO2 kümmern – das verunsichert viele Lebensmittelhersteller. Hier können wir klar Entwarnung geben. Mit den richtigen Tools und praktischer Expertise ist eine CO2-Bilanz für ein ganzes Unternehmen oder einzelne Produkte deutlich einfacher zu realisieren als manch andere Zertifizierung. Zudem benötigt man im ersten Schritt noch keine vollständig ausgefeilte Klimaschutzstrategie mit einem Maßnahmenplan für die nächsten fünf Jahre. Vielmehr ist man den meisten Unternehmen heute schon ein gutes Stück voraus, wenn man in der Lage ist, auf Basis eines etablierten Standards die CO2-Emissionen einzelner Produkte rechnerisch richtig und nachvollziehbar auszuweisen. Dafür benötigt man lediglich einige Kerndaten zu den eigenen Produkten, die bei vielen Unternehmen ohnehin schon vorhanden sind. Welche Rohstoffe werden in welchen Mengen eingesetzt? Welcher Energieverbrauch entsteht für die Produktion eines Produktes vor Ort? Wie lässt sich die Eingangs- und Ausgangslogistik darstellen? Fragen wie diese sind Grundlage für die CO2-Bilanz eines Produkts. Moderne Software-Tools wie der ClimatePartner FootprintManager führen systematisch durch den Prozess der Datenerfassung und ermöglichen es damit, die relevanten Informationen in kurzer Zeit zu sammeln und zentral zu verwalten. Die Auswertung wird dann ebenfalls von Experten wie ClimatePartner übernommen. Je nach Informationslage im Unternehmen kann eine solche CO2-Bilanz schon nach wenigen Tagen vorliegen. Auch die Kosten sind im Regelfall überschaubar.

Der Trend zu mehr Klimaschutz in der Lebensmittelindustrie muss also keinem Unternehmen Angst machen. Im Gegenteil. Wer sich heute fundiert mit dem Thema Klimaschutz auseinandersetzt, kann kurzfristig neue Marktchancen nutzen und sich klar differenzieren. In fast allen Branchen sehen wir aktuell eine ähnliche Entwicklung. All dies trägt letztlich dazu bei, dass das Bewusstsein für Klimaschutz entlang der gesamten Wertschöpfungskette steigt und damit auch unsere Produkte insgesamt klimafreundlicher werden. Wir sind überzeugt, dass wir so den Wandel zu mehr Klimaschutz in größerem Umfang schaffen können. Gerade vor dem Hintergrund der unklaren weltpolitischen Situation (siehe unseren Beitrag zum Wahlsieg von Donald Trump) wird diese Entwicklung immer wichtiger. Daher: Packen wir es an!

Eine Analyse von Dr. Christian Reisinger