4. Juli 2017

Wenn Polemik Politik wird: Zum Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen

Am 1. Juni hat Donald Trump Wort gehalten und mit der Ankündigung, dass sich die USA aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen werden, eines seiner kontroversesten Wahlkampfversprechen erfüllt. Begründet wurde der Ausstieg mit dem Argument, das Pariser Klimaabkommen sei den Vereinigten Staaten gegenüber “sehr unfair”, etwa da es den amerikanischen Kohlesektor im Vergleich zu Ländern wie China oder Indien stark benachteilige.

Sebastian Copeland - Eisbär

Ein Hohn, wie viele Beobachter finden, da es gerade die Entwicklungs- und Schwellenländer sind, die unter den Auswirkungen des Klimawandels am meisten zu leiden haben. Dementsprechend deutlich fiel die internationale Welle der Entrüstung aus. In seltener Eintracht haben Staats- und Regierungschefs weltweit die Entscheidung kritisiert – von Emmanuel Macron („Make this planet great again“) über Angela Merkel bis hin zu Vladimir Putin und Li Keqiang.

Wir möchten die aktuellen Entwicklungen zum Anlass für eine Analyse nehmen: Was bedeutet die Entscheidung für die globale Klimapolitik? Sind China und Russland verlässliche Partner im Klimaschutz? Ergeben sich dadurch auch Chancen? Was bedeutet das für den freiwilligen Klimaschutz von Unternehmen?

Das Pariser Abkommen ist beschädigt, aber keineswegs tot

Klar ist schon jetzt, dass das Pariser Abkommen – zurecht als langersehnter Durchbruch in der internationalen Klimapolitik gefeiert – einiges an Glanz verloren hat. Wenn sich mit den USA der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen aus dem Abkommen zurückzieht, ist der Nimbus einer historischen Einigung aller Nationen zumindest fürs erste verflogen. Stattdessen stellen sich Fragen: Halten die restlichen Nationen Wort? Ist die Emissionsreduktion substantiell noch groß genug, um den Klimawandel effektiv einzudämmen? Werden weitere Länder den USA folgen und aus dem Abkommen austreten?

Dennoch ist das Abkommen nicht tot – im Gegenteil. Auf politischer Ebene – und, in noch stärkerem Maße, aus der Zivilgesellschaft – war eine klare „jetzt erst Recht“-Reaktion zu beobachten. Städte und ganze US-Bundesstaaten haben bereits verkündet, ihre Verpflichtungen weiter erfüllen zu wollen. Auch Unternehmen wie Tesla, Disney oder Goldman Sachs haben Trumps Pläne deutlich kritisiert. Insgesamt steht nur ein knappes Drittel der US-Amerikaner hinter dem geplanten Ausstieg. Daher ist nicht auszuschließen, dass die Entscheidung im Hinblick auf die mid-term elections im nächsten Jahr sowie eine mögliche Wiederwahl Trumps revidiert oder inhaltlich abgemildert wird. Schließlich wird der Austritt der USA erst 2020 wirksam, und bis dahin kann noch viel passieren.

Chancen für China und die Europäische Union

Die gute Nachricht ist auch, dass die restlichen Nationen bisher in ungewohnter Eintracht am Pariser Abkommen festhalten. Als weltgrößtem Emittent von Treibhausgasen fällt insbesondere China eine Schlüsselrolle zu – dem Land, das noch bei der Klimakonferenz in Kopenhagen jegliche Einigung verhindert hat. Umso positiver ist, dass China sich seit Kurzem geradezu als Musterknabe im Klimaschutz präsentiert. Das geschieht sicherlich zum Teil aus machtpolitischem Kalkül, schließlich verspricht die selbstverschuldete Demontage der USA als weltpolitische Führungsmacht gerade für China große Chancen, sich international zu profilieren. Aber auch der innenpolitische Druck in China ist spätestens seit der fortwährenden Smog-Belastung in Chinas Großstädten mittlerweile hoch genug, um die Themen Umwelt- und Klimaschutz tatsächlich ernst zu nehmen.

Dennoch wird das Verhältnis des Westens zu China dadurch nicht zwangsläufig einfacher. Die Welt braucht China, und China wird diese Abhängigkeit in politisches Kapital umzuwandeln wissen – etwa wenn es um Themen wie Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit oder Handelshemmnisse geht. So scheiterte Anfang Juni der Versuch Chinas und der Europäischen Union, eine gemeinsame Klimaschutzerklärung zu verfassen, an Differenzen zu eben jenen Themen. Dennoch werden sich die Akteure mit der Zeit annähern – schließlich können beide Parteien dadurch mehr gewinnen als verlieren. Schwierig wird sich jedoch auch weiterhin das Verhältnis zwischen der EU und Russland gestalten – zum einen, weil Russland bisher nicht durch ein genuines Interesse am Klimaschutz aufgefallen ist und dadurch auch innenpolitisch nicht punkten kann, zum anderen, weil das Verhältnis zwischen der EU und Russland spätestens seit der Annektierung der Krim stark belastet ist. Europa muss sich seine Partner also zukünftig gut aussuchen.

Wird Trump unfreiwillig zum Klimaschützer?

Einer der positiven Nebeneffekte ist, dass die Ankündigung mobilisierend auf all jene wirkt, die bisher nicht selbst im Klimaschutz aktiv geworden sind – und das gilt für Privatpersonen und Unternehmen gleichermaßen. Und noch nie hat das Thema Klimaschutz so viel Aufmerksamkeit in den Medien erfahren. Der allgemeinen Empörung muss nun jedoch auch konkretes Handeln folgen. Der Stand aktuell ist: Unternehmen, die sich ernsthaft im Klimaschutz engagieren, sind nach wie vor in der Minderheit – entweder, weil das Thema kurzfristig anderen, dringlicheren Themen untergeordnet wird, oder weil Unternehmen das Wissen darüber fehlt, wie sie den ersten Schritt in Richtung Klimaschutz gehen. Der Aufwand wird überschätzt, die Chancen werden unterschätzt.

Hier kann Trumps Politik in der Tat ein Weckruf sein. Die Praxis zeigt, dass Klimaschutz ganz klar Chancen bietet und, richtig umgesetzt, Unternehmen ganzheitlich in ihrer Zukunftsstrategie unterstützt. Klare Klimaschutzziele führen etwa häufig dazu, dass Unternehmen Ressourcen sinnvoller einsetzen. Gleichzeitig kann eine unternehmensweite Klimaschutzstrategie ein Katalysator für längst überfällige Entscheidungen in Unternehmen darstellen, sei es die Umstellung des Fuhrparks auf nachhaltigere Alternativen, das Ersetzen von Geschäftsreisen durch Video-Konferenzen oder neue Investitionsentscheidungen. Dadurch wird Klimaschutz wieder einmal zum Innovationstreiber.

Auch die Werkzeuge stehen heute bereit, um Unternehmen branchenübergreifend einen einfachen Einstieg in den Klimaschutz zu bieten. Erster Schritt ist immer die Bestandsaufnahme, also die Erstellung eines Corporate Carbon Footprint für eine Organisation. Durch leistungsfähige cloud-Software ist die Erstellung eines Corporate Carbon Footprint inklusive Scope 3 Emissionen einfacher als jemals zuvor. Auch beim Thema CO2-Reduktion bieten sich Unternehmen vielfältige Möglichkeiten, beispielsweise, indem Unternehmen lernen, sich nicht isoliert zu betrachten, sondern die gesamte Lieferkette in den Blick nehmen. Und am Ende der Kette steht eine Auswahl qualitativ hochwertiger Klimaschutzprojekte, mit denen Unternehmen ihre nicht vermeidbaren CO2-Emissionen ausgleichen können.

So kritisch Trumps Politik zu beurteilen ist, ist sie kein Grund, zu resignieren. Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen weltweit wollen sich im Klimaschutz engagieren und lassen sich von Donald Trump nicht abhalten. Durch Trumps Politik wird deutlich: das Thema Klimaschutz ist zu wichtig, um ausschließlich in internationalen Konferenzen, Fachgremien und wissenschaftlichen Debatten abgehandelt zu werden. Klimaschutz muss Alltag werden, für Unternehmen und Privatpersonen gleichermaßen. Und dafür bietet Trump – wenn auch unfreiwillig – einen starken Impuls.

Eine Analyse von Dr. Christian Reisinger, ClimatePartner

Foto: Sebastian Copeland, www.sebastiancopeland.com