Die neuen Helden unserer Zeit?

26 juin 2019

Die neuen Helden unserer Zeit? 

Fridays for Future und ihr Einfluss auf die Nachhaltigkeitspolitik von Unternehmen

„Ich habe gelernt, dass man nie zu klein dafür ist, einen Unterschied zu machen.“ Greta Thunberg ist erst 16 Jahre alt – und doch beherrscht sie es, ihre Botschaften einfach und wirkungsvoll zu platzieren. Seit Jahrzehnten versuchen Umweltaktivisten weltweit, auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen – durch Blockaden, das Anketten an Kohlebagger und andere spektakuläre Aktionen. Aber keine Person, keine Organisation hat jemals eine so große öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Klimawandel auf sich gezogen wie dieses schwedische Mädchen, das quasi im Alleingang eine neue Jugendbewegung aus der Taufe gehoben hat. 

Für die weltweite Klimapolitik ist Greta Thunberg ein Glücksfall. Sie schafft es, junge Menschen weltweit zu mobilisieren und das Thema Klimaschutz ganz oben auf die politische Agenda zu setzen. Doch so sehr Greta Thunberg mobilisiert, so sehr polarisiert sie auch. Mit ihren teilweise drastischen Formulierungen („Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre“) macht sie sich nicht nur Freunde. Auch ist die Kritik an den organisierten Schulstreiks durchaus nachvollziehbar. Was, wenn diese Idee Nachahmer findet und plötzlich andere Interessensvertretungen Schüler für ihre Zwecke mobilisieren? Dazu kommt natürlich noch die Frage der mangelnden Legitimität. Niemand hat Greta Thunberg gewählt. Und niemand kann sie wieder abwählen. Und doch ist sie eine politische Autorität, die bei der UN Klimakonferenz und vor dem Europäischen Parlament spricht.

Greta Thunberg sagt nichts, was nicht längst bekannt ist

Doch genau diese Direktheit, dieser Regelbruch, das Unkonventionelle macht den Erfolg Greta Thunbergs und der gesamten Fridays for Future-Bewegung aus. Die Logik dabei ist: Um im Spiel überhaupt Gehör zu finden, müssen die Spielregeln geändert werden – denn ansonsten sind die Interessen der Kinder und Jugendlichen in der weltweiten Klimapolitik stark unterrepräsentiert. Man nimmt Greta ab, dass sie es ernst meint. Und sie hat – erstmals für alle verständlich – deutlich gemacht, dass wir so wie bisher nicht weitermachen können, dass wir jetzt handeln müssen. Dabei sagt die Klimaaktivistin nichts, was nicht längst bekannt und wissenschaftlich belegt ist, sie drückt es lediglich anders aus. Ihre Stärke ist die Vereinfachung, die Zuspitzung, die Konfrontation.

Im Ergebnis wirkt die Fridays for Future-Bewegung wie ein Katalysator – sie beschleunigt den politischen Diskurs um den Klimaschutz in erheblichem Umfang. Ihre Zuspitzung auf „gut“ und „böse“, „richtig“ und „falsch“ mag zuweilen holzschnittartig wirken – sie zwingt jedoch zu einer klaren Positionierung: Der Klimawandel lässt keinen Mittelweg zu, so die Botschaft, also entscheide dich, auf welcher Seite du stehst. Und keine Partei und keine Interessensgruppe kann es sich erlauben, die Interessen der jungen Generation einfach zu ignorieren.

Viele Unternehmen sind verunsichert

Dennoch scheint die Wucht, mit der die Klimaaktivisten es geschafft haben, in kürzester Zeit den öffentlichen Diskurs zu dominieren, gerade viele Unternehmen zu verunsichern. Der richtige Umgang mit den Forderungen der Fridays for Future-Bewegung kann schnell zu einer Gratwanderung werden – zu groß ist schließlich die Gefahr, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Andererseits stellen die radikalen Änderungen und Umbrüche, die von den Aktivisten gefordert werden, in vielen Fällen eine Bedrohung der Geschäftsgrundlage vieler Unternehmen dar. 

So erfolgreich die Klimabewegung also im Aufzeigen von Problemen und Defiziten ist: Was fehlt sind klare Lösungsstrategien. Diese kann uns auch Greta Thunberg nicht liefern – und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Vielmehr sollten Unternehmen den Impuls, der von Greta Thunberg ausgeht, nutzen und sich ernsthaft fragen, wie das eigene Geschäftsmodell klimafreundlicher ausgerichtet werden kann. Die Erfahrung zeigt schließlich, dass die wenigsten Unternehmen kurzfristig in der Lage sind, ihre Prozesse, Lieferketten und Geschäftsmodelle CO2-frei zu gestalten. Die meisten Klimastrategien von Unternehmen sehen ernsthafte Reduktionen erst bis 2030 oder noch später vor. Nicht aus Ignoranz, sondern weil Wandel Zeit braucht und Unternehmen voneinander abhängen. Beispielsweise kann ein E-Commerce-Unternehmen erst dann auf CO2-freien Versand setzen, wenn es entsprechende Logistikanbieter gibt, die diese Leistung überhaupt flächendeckend anbieten.

Eine sinnvolle Klimaschutzstrategie beinhaltet die Elemente Vermeiden – Reduzieren – Ausgleichen

Klimaneutralität – also der Ausgleich der entstandenen CO2-Emissionen durch zertifizierte Klimaschutzprojekte – hat sich hier als bestmögliche Alternative bewährt. Der Mechanismus befördert die Entstehung qualitativ hochwertiger Klimaschutzprojekte auf der ganzen Welt und ermöglicht Unternehmen, heute und sofort eine positive Klimawirkung zu entfalten. Die Pariser Klimaziele können aus Sicht vieler Experten nur durch eine sinnvolle Kombination von Reduktions- und Ausgleichsmaßnahmen überhaupt erreicht werden. Zurecht bilden die Elemente Vermeiden – Reduzieren – Ausgleichen daher den Grundstein vieler erfolgreicher Klimaschutzstrategien. Was zudem oft vergessen wird, ist der positive Zusatznutzen, der von Klimaschutzprojekten weltweit ausgeht – etwa deren Beitrag zu Bildung, Armutsbekämpfung oder wirtschaftlicher Entwicklung. So trägt unser neues Klimaschutzprojekt beispielsweise zur Bekämpfung von Plastikabfällen in den Weltmeeren bei und schafft für Familien in Haiti, Indonesien und auf den Philippinen zusätzliche Einkommen. 

Nicht Verunsicherung, sondern Gestaltungswille sollte daher die Klimastrategie von Unternehmen dominieren. Es gibt zahlreiche Beispiele von Unternehmen, die erfolgreich den Weg in Richtung Klimaneutralität gegangen sind – gepaart mit klaren und ambitionierten CO2-Reduktionszielen. Und die dies auch offensiv kommunizieren, z.B. durch das ClimatePartner-Label klimaneutrales Produkt. Betriebe tun dies meist nicht aus wirtschaftlichem Kalkül, sondern weil sie es auf Basis der bestehenden Technologie für die sinnvollste Art und Weise halten, ihr Geschäftsmodell klimafreundlich zu gestalten. Dennoch kann sich dieses Engagement langfristig auch wirtschaftlich auszahlen, schließlich sind die Fridays for Future-Teilnehmer nicht nur Aktivisten – sie sind für viele Unternehmen auch die Kunden von morgen. 

Eine Analyse von Dr. Christian Reisinger

Bild: shutterstock.com