Climate Action Insights: Arbeiten im Home-Office – eine klimafreundliche Alternative zum Büro?

28. September 2021

Die Corona-Pandemie hat sich in vielen Unternehmen auf die Arbeitsprozesse ausgewirkt, was auch in den CO2-Bilanzen sichtbar wird. Aber stimmt die oft gehörte Aussage, dass mehr Home-Office automatisch weniger Emissionen bedeutet, also besser für das Klima ist? Kann Home-Office sogar ein mögliches Element in den Klimaschutzstrategien von Unternehmen sein?

Björn Bröskamp, Manager Business Development bei ClimatePartner, gibt Einblick in unsere Arbeit bei der Erfassung und Berechnung von Unternehmensemissionen und klärt dabei einige Mythen rund um Büroarbeit und Home-Office auf.

Home-Office macht das Arbeiten flexibler und kann auch zu einer besseren Work-Life-Balance beitragen. Aber eignet es sich auch als Maßnahme zum Klimaschutz? Können Unternehmen allein schon dadurch Emissionen reduzieren, indem sie ihre Belegschaft wo immer möglich von Zuhause aus arbeiten lassen?

Das Konzept von Home-Office oder Telearbeit gab es ja schon lange vor der Corona-Pandemie. Wir bei ClimatePartner haben seit je her ein konkretes Set an Kriterien und Emissionsfaktoren, mit denen wir Home-Office bei der CO2-Bilanzierung von Unternehmen abbilden und die wir regelmäßig anpassen. Mit dem vergangenen Jahr hat sich der Anteil von Home-Office gegenüber der klassischen Büropräsenz in vielen Unternehmen entscheidend verändert, was sich auch an den CO2-Bilanzen ablesen lässt. Es ist durchaus möglich, dass sich durch Home-Office die Emissionen einer Firma reduzieren lassen. Damit dies aber zutreffen kann und die positiven Effekte größer sind als die negativen, müssen eine Reihe von Faktoren berücksichtigt werden. Das Thema ist sehr komplex.

Was genau macht denn die Komplexität dabei aus? Die verrichtete Arbeit bleibt doch im Großen und Ganzen gleich?

Mit verstärktem Home-Office nimmt natürlich der Anteil mancher Emissionstreiber in den Unternehmensbilanzen ab. Solche Emissionen, wie zum Beispiel aus der Anfahrt der Mitarbeitenden, Geschäftsreisen, Energieverbrauch für das Heizen oder Kühlen der Gebäude oder die Internetnutzung, fallen aber nicht komplett weg, sie verteilen sich nur anders und sind nun in einem anderen Bilanzrahmen.

Zum Teil werden die Emissionen nun von Faktoren beeinflusst, die außerhalb des direkten Einflussbereichs und damit auch außerhalb der Systemgrenzen des Unternehmens liegen. Hierzu zählt zum Beispiel bei den Mitarbeitenden die Energie- und Internetversorgung in ihren jeweiligen Haushalten, der Umgang mit Ressourcen und Abfall etc.

Wenn Unternehmen ihre ausgelagerten Emissionen im Blick haben wollen, benötigen sie daher einen aussagekräftigen CO2-Fußabdruck, der diese abdeckt.

Welche Faktoren betrachtet ClimatePartner bei der Erstellung von CO2-Bilanzen im Zusammenhang mit Home-Office?

Eines vorweg: Auch wenn Home-Office außerhalb des Bilanzierungsrahmens von Scope 1 und Scope 2 liegt, begrüßen und empfehlen wir es, dass sich Unternehmen mit ihren Home-Office Emissionen beschäftigen und diese berechnen. Einerseits, um die Reduktion im Vergleich zu vorherigen Jahren analysieren zu können und zum anderen, um aktiv Verantwortung zu übernehmen für die Emissionen, die durch Home-Office verursacht werden.

In unserer Berechnungsmethodik orientieren wir uns am aktuellen Branchen- und Wissensstand. Sie umfasst dabei den Stromverbrauch für den Arbeitsplatz, für einen Computer, einen externen Bildschirm, einen Drucker und für ein Handy. Zusätzlich bilanzieren wir die Beleuchtung des Arbeitsplatzes und die Heizung für einen zusätzlichen Raum. Auf Basis dieser Einflüsse ergibt sich ein durchschnittlicher Emissionsfaktor mit der Referenzeinheit: Pro Mitarbeitende pro Tag.

Wesentlich genauere Daten liefert in der Regel die Umfrage eines Unternehmens zu den oben genannten Punkten unter seinen Mitarbeitenden. Auf deren Basis lässt sich eine sehr genaue und für das Unternehmen individuelle Berechnung durchführen.

Ab wann hat das Arbeiten im Home-Office dann einen positiven Einfluss auf den CO2-Fußabdruck eines Unternehmens?

Prinzipiell kann man davon ausgehen, dass Home-Office die Emissionen eines Unternehmens reduzieren kann. Das ist vor allem dann der Fall, wenn der große Posten Mitarbeiteranfahrt wegfällt. Bei Unternehmen, in denen viele Mitarbeitende mit dem Auto zur Arbeit fahren, ist dieser Hebel enorm.

Kommt allerdings der Großteil der Mitarbeitenden zu Fuß oder per Fahrrad zu Arbeit, ist das anders. In diesem Fall kann es dazu führen, dass Emissionen nur aus dem Bilanzierungsrahmen des Unternehmens in den privaten Bilanzierungsrahmen der Mitarbeitenden verschoben werden. Bereits umgesetzte Klimaschutzmaßnahmen von Unternehmen wie Ökostrom und nachhaltige Wärmeerzeugung könnten damit ihre Wirkung verlieren, wenn auf privater Ebene keine Klimaschutzmaßnahmen stattfinden und sich dies auch nicht so einfach kontrollieren lässt.

Um den positiven Einfluss von Home-Office auf das Klima zu gewährleisten, benötigt es also genaue Policies und Richtlinien für das Arbeiten und den Arbeitsplatz. Es muss mit der Klimaschutzstrategie des Unternehmens und seinen Zielen zur Emissionsreduzierung abgestimmt sein und braucht das Verständnis und die Bereitschaft aller Mitarbeitenden.

Welchen Einfluss hat der starke Anstieg von Videokonferenzen und Internetnutzung im Home-Office?

Im Zusammenhang mit Home-Office und auch durch die oft weggefallenen Dienstreisen werden Videokonferenzen und das Internet deutlich stärker genutzt. Hochauflösende Konferenzsysteme können dabei mehr als 600 g CO2 pro Stunde verursachen, was drei Kilometer Fahrt mit einem Mittelklassewagen entspricht. Laut einer Studie der französischen Denkfabrik The Shift Project erzeugen Online-Videos insgesamt 300 Millionen Tonnen CO2 im Jahr. Das ist etwa ein Prozent der globalen Emissionen. Die Experten schätzen, dass der Anteil der digitalen Technologien an den globalen Treibhausgasemissionen bis 2025 auf acht Prozent steigen könnte. Allerdings hat dieser Trend nicht nur mit Home-Office zu tun. Auch in Büros sieht man eine starke Zunahme von Videokonferenzen.

Die meisten der bislang genannten Punkte wie Mitarbeiteranfahrt, Dienstreisen oder Energieverbrauch haben einen sofortigen, unmittelbaren Einfluss auf die Klimabilanz eines Unternehmens. Gibt es darüber hinaus auch welche, die nicht so schnell wirken?

Die gibt es durchaus. Zum einen bedeuten weniger genutzte Büros stets auch die Einsparung von Ressourcen. Es wird weniger Wasser und Wärme benötigt, die Bereitstellung von Büromaterial oder die Entsorgung von Abfall wird zurückgefahren. Trotzdem kann ein Unternehmen seine Flächen nicht von heute auf morgen reduzieren, die Büroorganisation muss auf einem bestimmten Level weitergeführt werden. Diese Punkte lassen sich daher nur mittel- oder langfristig angehen.

Ein anderer Aspekt ist, dass die durch weniger Dienstreisen und kleinere Bürofläche frei gewordenen Budgets sehr gut in Klimaschutzmaßnahmen investiert werden können.

Eine abschließende Frage und ein Blick in die Zukunft: Viele sehen Home-Office als Vorbote einer neuen Arbeitswelt, in der Arbeiten und Leben noch weiter verschmelzen, als es bis jetzt der Fall war. Wäre das gut für das Klima?

Wie schon gesagt, Home-Office als alleinstehendes Konzept benötigt bestimmte Voraussetzungen, damit es zur Reduktion der Unternehmens-Emissionen beitragen kann. Es wird darauf ankommen, im Unternehmen insgesamt Änderungen für mehr Klimaschutz herbei zu führen. Dazu gehören zum Beispiel Alternativen zu Fleisch in der Kantine, Angebote zur E-Mobilität, Trainings und Weiterbildungen und eben auch die Flexibilisierung der Arbeit. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass sich die neue Arbeitswelt an den Anforderungen all seiner Mitarbeitenden orientieren muss. Die spezifische beste Arbeitsumgebung wird die glücklichsten und produktivsten Teams mit sich bringen und damit den höchsten Mehrwert für das Unternehmen und auch für den Klimaschutz.