Scope-3.1-Primärdaten: Warum die Lieferkette über Ihre Dekarbonisierung entscheidet
15. Juni 2026Scope 3.1: Die größte Schwachstelle in der CO2-Bilanz
Scope 3 ist für die meisten Unternehmen die größte Emissionskategorie: Im Durchschnitt entfallen rund 75 Prozent der gesamten Unternehmensemissionen auf Scope 3. In Branchen wie Finanzdienstleistungen, bei Industriegütern, in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie oder der Landwirtschaft kann dieser Anteil auf bis zu 99 Prozent steigen. Diese Emissionen zu erfassen, ist für Unternehmen häufig herausfordernd.
Scope-3-Emissionen entstehen nicht im eigenen Betrieb, sondern in der Lieferkette: bei der Herstellung von Rohstoffen, Komponenten und Produkten, die ein Unternehmen einkauft.
Die Kategorie Scope 3.1 „Eingekaufte Waren und Dienstleistungen“ macht für die meisten Unternehmen den größten Anteil ihres Corporate Carbon Footprints aus.
Das macht die Lieferkette zum größten Hebel für eine wirksame Emissionsreduktion.
Die Erhebung von Scope-3.1-Daten ist nicht länger optional
Der Druck, Scope-3-Emissionen zu erfassen und zu reduzieren, steigt.
Die CSRD verpflichtet Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von über 450 Millionen Euro, ihre Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu erfassen und offenzulegen, einschließlich Scope 3.
Auch die Science Based Targets initiative (SBTi) verlangt Scope-3-Ziele von Unternehmen, sobald die Emissionen aus der Lieferkette mehr als 40 Prozent der Gesamtemissionen ausmachen. Kurzfristige Ziele müssen dabei mindestens 67 Prozent der Scope-3-Emissionen abdecken, langfristige Net-Zero-Ziele sogar 90 Prozent.
Von Sekundärdaten zu Primärdaten: Der Weg zu einer belastbaren Scope-3.1-Bilanz
Unternehmen, die Scope 3.1 zum ersten Mal berechnen, starten meistens mit ausgabenbasierten Daten oder aktivitätsbasierten Sekundärdaten. Das ist auch vom GHG Protocol so vorgesehen.
Ausgabenbasierte Daten: Einkaufsausgaben werden mit einem Emissionsfaktor pro Euro multipliziert. Diese Faktoren stammen aus wissenschaftlichen Datenbanken wie EXIOBASE und bilden Branchendurchschnittswerte ab. Beispielsweise gibt ein Kosmetikunternehmen jährlich 500.000 Euro für Kunststoffverpackungen aus. Es multipliziert diesen Betrag mit einem Emissionsfaktor pro Euro Einkaufsvolumen und erhält eine erste Emissionsschätzung für diese Verpackungen. Das ist schnell und skalierbar, aber ungenau, weil Preis und Emissionen nicht direkt zusammenhängen und Schwankungen unterliegen können.
Aktivitätsbasierte Sekundärdaten: Statt Ausgaben bilden physische Mengen die Grundlage für Berechnungen. Das Kosmetikunternehmen kauft jährlich 200 Tonnen Kunststoff für Verpackungen ein und multipliziert diese Menge mit dem Emissionsfaktor für Kunststoff. Das Ergebnis ist genauer als die ausgabenbasierte Berechnung, weil physische Mengen den tatsächlichen Verbrauch besser abbilden als Ausgaben. Aber der Emissionsfaktor bildet weiterhin nur eine durchschnittliche Produktion ab. Ob der Verpackungs-Lieferant mit erneuerbaren Energien produziert oder besonders emissionsintensiv arbeitet, bleibt unsichtbar.
Emissionsfaktoren aus Datenbanken werden regelmäßig aktualisiert und variieren je nach Quelle. Das bedeutet, dass sich Emissionen von Jahr zu Jahr verändern können, auch wenn die Bedingungen in der Lieferkette gleichgeblieben sind. Zur Orientierung sind sie dennoch wertvoll. Denn sie zeigen, in welchen Kategorien die meisten Emissionen und damit die größten Hebel zur Reduktion liegen. Langfristig sind lieferantenspezifische Primärdaten jedoch am belastbarsten.
Lieferantenspezifische Primärdaten sind präzise. Sie liefern den CO₂-Fußabdruck eines Produkts, berechnet auf Basis der individuellen Produktionsdaten eines Lieferanten. Das Kosmetikunternehmen aus dem Beispiel weiß so genau, ob sein Kunststofflieferant beispielsweise mit erneuerbaren Energien produziert oder seinen Produktionsprozess im Lauf der Zeit optimiert hat. Lieferanten beginnen ihre eigenen Emissionen zu verstehen und können sich Ziele zur Reduktion setzen. So werden Fortschritte in der Lieferkette nachweisbar und die Kommunikation darüber glaubwürdig. Primärdaten führen zu einem Carbon Footprint, der die Grundlage für messbare Dekarbonisierung bildet.

Wann lohnen sich Primärdaten?
Es ist sinnvoll, mit Lieferanten zu beginnen, die:
- mehr als 5 bis 10 Prozent der Scope-3.1-Emissionen ausmachen
- aus einer emissionsintensiven Kategorie stammen
- strategisch wichtig oder schwer ersetzbar sind
- mehr als 20 Prozent des Einkaufsvolumens ausmachen
- in Branchen tätig sind, in denen Kunden oder Investoren bereits produktbezogene Emissionsdaten einfordern.
Die Herausforderung: Primärdaten erheben
Viele Unternehmen wollen Primärdaten erheben, scheitern aber an der Realität der Lieferkette.
Lieferantendaten sind auf Tier-1-Ebene selten verfügbar – auf Tier-2- oder Tier-3-Ebene praktisch gar nicht. Häufig erleben Unternehmen, dass angefragte Daten von Lieferanten unvollständig, inkonsistent oder methodisch nicht vergleichbar sind. Viele Lieferanten haben zudem noch nie einen Product Carbon Footprint berechnet. Daten manuell zu erheben, zu validieren und in eine GHG-Protocol-konforme Berechnung zu überführen, übersteigt die Kapazitäten vieler Nachhaltigkeitsteams. Ohne Unterstützung bleiben Datenanfragen oft unbeantwortet.
Mit der richtigen Software und strukturierten Prozessen können Unternehmen ihre Lieferanten effizient einbinden, ohne interne Ressourcen unverhältnismäßig auszubauen.
Primärdaten effizient einholen mit Network by ClimatePartner
Über das Network by ClimatePartner erfassen einkaufende Unternehmen PCF-Daten ihrer Lieferanten zentral auf einer Plattform. Die PCFs fließen direkt in den Corporate Carbon Footprint des Käufers ein. So werden aus Lieferantendaten unterschiedlicher Reifegrade verwertbare Scope-3-Daten. Das schafft Transparenz über Scope-3-Emissionen und macht Datenlücken sichtbar. Unternehmen können Reduktionsmaßnahmen dort ansetzen, wo die Emissionen wirklich entstehen, und fundierte Einkaufsentscheidungen treffen.
Lieferanten, die bereits PCF-Daten haben, laden diese in der Plattform hoch und teilen sie mit ihren Käufern. Bei Bedarf unterstützen ClimatePartner-Expert:innen bei der Berechnung des Product Carbon Footprints.

Erfahren Sie, wie Sie mit Network Lieferantendaten strukturiert abfragen und Scope-3.1-Schätzwerte durch validierte Primärdaten ersetzen.