Was bedeutet Net Zero wirklich?

December 10, 2020

Ist Net Zero gleichbedeutend mit klimaneutral? Und was meinen Unternehmen, wenn sie klimaneutral, klimapositiv oder CO2-frei sagen?

Eine Begriffserklärung von Emilien Hoet, Head of UK, ClimatePartner

Der Begriff Net Zero (oder Net Zero Carbon Emissions) wird zunehmend von Unternehmen und Ländern verwendet. Er entstand als Antwort auf die wachsende Nachfrage nach ambitionierten Verpflichtungen zum Klimaschutz, allerdings fehlt bis heute eine Definition darüber, was der Begriff genau beinhaltet. Dieser Artikel erklärt, was eine "Net-Zero-Verpflichtung" beinhalten sollte und wie sie aus dem Konzept der Klimaneutralität hervorgegangen ist.

Klimaneutralität

Einfach ausgedrückt: Klimaneutralität besteht, wenn ein CO2-Fußabdruck gemessen, reduziert und ausgeglichen wurde. Das Ergebnis ist ein Gleichgewicht zwischen verursachten Emissionen auf der einen Seite und vermiedenen Emissionen auf der anderen Seite – also Neutralität. Auf diese Gleichung berufen sich immer mehr Unternehmen und wenden sie auch für ihre Produkte, Veranstaltungen, Dienstleistungen etc. an.

Die UN verwendet den Begriff „Klimaneutralität“ (Englisch: Climate Neutrality) als offizielle Bezeichnung, die sicherstellt, dass alle Treibhausgase einbezogen werden. Diese werden als CO2-Äquivalente bezeichnet, wodurch alle Treibhausgase in ein Maß umgerechnet werden. Obwohl das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) der UN eine klare Definition für Klimaneutralität bietet, hat sich im Englischen vor allem im Zusammenhang mit den Net Zero-Diskussionen der Begriff „Carbon Neutral“ bzw. „Carbon Neutrality“ etabliert. Er bezieht sich eigentlich nur auf Kohlendioxid, wird aber immer öfter als Synonym für "Climate Neutrality" verwendet.

Es gibt drei Kategorien von Emissionen, die bei der Erreichung von Klimaneutralität erfasst werden müssen:

Scope 1: direkte Emissionen eines Unternehmens, z.B. das CO2, das von der Fahrzeugflotte eines Unternehmens ausgestoßen wird.

Scope 2:  indirekte Emissionen, z.B. die Energieversorgung des Firmengebäudes, die bereits bei ihrer Gewinnung Emissionen verursacht.

Scope 3: indirekte Emissionen, die nicht im direkten Einflussbereich des Unternehmens stehen, wie z.B. die Lieferkette.

Obwohl streng genommen nur die Scope-1- und Scope-2-Emissionen ausgeglichen werden müssen, damit ein Unternehmen Anspruch auf Klimaneutralität erheben kann, ist man sich heute allgemein darüber einig, dass dies nicht weit genug geht. Die meisten Lösungsanbieter im Bereich des Klimaschutzes, einschließlich ClimatePartner, verlangen von den Unternehmen daher die Einbeziehung mehrerer Scope-3-Emissionskategorien. Sie fordern, dass alle damit verbundenen Emissionen entlang der Wertschöpfungskette eines Unternehmens, einschließlich Rohstoffe, Produktion, Logistik und Verpackung, in die Berechnungen einbezogen werden.

Nur wenige Normungsgremien schreiben derzeit ein konkretes CO2-Reduktionsziel für Unternehmen vor. Das liegt daran, dass es in der Vergangenheit schwierig war, dies branchenübergreifend und spezifisch für jeden Unternehmenstyp zu tun. Somit könnte ein Unternehmen seine Scope 1 und Scope 2-Emissionen messen, einen lockeren und kurzfristigen Reduzierungsplan aufstellen und den Rest einfach ausgleichen, um klimaneutral zu sein. Dies wäre zwar ein positiver erster, aber bestenfalls ein kleiner Schritt. Was dagegen für alle erstrebenswert sein sollte, ist Net Zero, also die Netto Null bei den Emissionen.

Warum Net Zero?

Net Zero versucht, den Standard anzuheben und in die Lücke zu springen, die Klimaneutralität noch offen lässt:

  • Festlegung eines Mindestziels für die CO2-Reduzierung, das sich auf den Großteil der Scope-3-Emissionen innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens bezieht.
  • Schrittweise Weiterentwicklung von Klimaschutzprojekten, die CO2-Emissionen ausgleichen hin zu Projekten, die CO2 entfernen (Carbon Removal)

CO2-Reduktionsziele

Die Festlegung einer Net Zero-Verpflichtung beginnt damit, dass Unternehmen die Verantwortung für ihre Emissionen übernehmen. Das bedeutet in der Regel, dass sie mindestens 66 Prozent der Scope-3-Emissionen in ihre Berechnungen und Zielsetzungen einbeziehen sollten.

Sie ist zudem eine Voraussetzung für viele Unternehmen, die für sich wissenschaftsbasierte Ziele (Science Based Targets, SBT) festlegen. Diese stellen sicher, dass die Reduktionsziele für CO­2 auf den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und auf der Grundlage dessen berechnet werden, was für die Branche und die Größe des Unternehmens erforderlich ist. SBTs können unterschiedlich ambitioniert sein, sollten aber idealerweise auf die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5°C ausgerichtet sein.

Weiterentwicklung der Klimaschutzprojekte

Einige Aktivisten betrachten die Angaben mancher Unternehmen zu ihrem CO2-Ausgleich als Täuschungsmanöver oder Greenwashing. Sie vergleichen dies mit dem Bezahlen für ein reines Gewissen. Die Realität ist allerdings nicht so einfach. Die CO2-Emissionen auf Null zu reduzieren, und zwar in kurzer Zeit, ist für die meisten Unternehmen nahezu unmöglich. Daher bleibt der Ausgleich dieser Emissionen ein wichtiger Teil einer umfassenden Lösung. Er ist manchmal die einzige wirksame, verantwortungsvolle und nützliche Maßnahme, die Unternehmen im Moment ergreifen können.

Maßnahmen zum CO2-Ausgleich lassen sich derzeit in zwei Hauptkategorien unterteilen:

  • CO2-Vermeidung:  Diese Wirkungsweise zeichnet die große Mehrheit heutiger Klimaschutzprojekte aus, für die eine Reihe von Standards wie Gold Standard, VCS und Plan Vivo gelten. Sie überprüfen alle Projekte und führen regelmäßige Audits durch, um die jeweilige Wirksamkeit zu bestätigen. Die Projekte werden mit unterschiedlichen Technologien umgesetzt, die von erneuerbaren Energien über Forstwirtschaft bis hin zu sozialen Projekten reichen. Beispielsweise vermeidet Waldschutz solche Emissionen, die im Zusammenhang mit einer möglichen Entwaldung entstehen können. Er trägt zur Erhaltung der Artenvielfalt bei und bietet den lokalen Gemeinschaften alternative Einkommensmöglichkeiten. Saubere Kochöfen vermeiden Emissionen, die mit dem Verbrennen von Holz zum Kochen verbunden sind.
  • CO2-Abscheidung (Carbon Removal):  Diese Projekte sind noch relativ neu und Teil einer wachsenden Industrie. Sie beschränken sich derzeit meist auf Lösungen, die auf der Wirkungsweise natürlicher Entwicklungen basieren, wobei das bekannteste Beispiel das Pflanzen von Bäumen ist. Die Idee ist, dass diese die Emissionen so lange wie möglich (oder idealerweise auf unbestimmte Zeit) aus der Atmosphäre entfernen. Andere im Entstehen begriffene Bereiche wie Blue Carbon (Mangroven, Seetang und Seegras) oder Soil Carbon – für die der Gold Standard kürzlich eine Messmethode veröffentlicht hat – gewinnen ebenfalls stark an Dynamik. Auch technische Lösungen wie Direct Air Capture and Storage (DACS) sind auf dem Vormarsch. Diese sind jedoch in der Regel sehr teuer, bieten keinerlei Zusatznutzen wie die Unterstützung lokaler Gemeinschaften oder die Erhaltung der biologischen Vielfalt und sind in ihrem Umfang noch weitgehend unerprobt.

Was ist besser: CO2-Vermeidung oder CO2-Abscheidung?

Die kurze Antwort ist, dass alle Formen des Emissionsausgleichs notwendig sind. Allerdings sind manche Initiativen von Unternehmen wie die von Microsoft oder Stripe angekündigten Investitionen in die CO2-Vermeidung, auch wenn sie nicht unbedingt besser sind, natürlich sehr schlagzeilenträchtig.

Ein qualitativ hochwertiger Waldschutz im Rahmen eines Projektes zum CO2-Ausgleich, der der lokalen Bevölkerung wirtschaftliche Möglichkeiten bietet und die Abholzung der Wälder vermeidet, kann zum Beispiel besser für die biologische Vielfalt sein als ein Baumplantagenprojekt in Monokultur.

Darüber hinaus sollte man die Klimakrise immer auch unter dem Aspekt der Menschenrechte betrachten und sicherstellen, dass alle gleichermaßen vom Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft profitieren. Projekte, die Arbeitsplätze und saubere Energie für unterversorgte Gemeinden bereitstellen, wie das Wasserkraftprojekt im Virunga-Nationalpark im Kongo, sind daher ein wichtiger Teil der Lösung.

Und schließlich muss der Kohlendioxid in der Atmosphäre so weit wie möglich vermieden und reduziert werden, bevor es um praktikable Methoden zur Entfernung gehen kann. In Projekte zu investieren, die anderen dabei helfen, CO2 zu vermeiden und zu reduzieren, ist für uns alle von entscheidender Bedeutung, um den Übergang zu Net Zero zu schaffen.

Was ist mit CO2-positiv und CO2-negativ?

Unternehmen wie Microsoft oder Brewdog haben sich kürzlich dazu verpflichtet, CO2-negativ zu sein, was die Begriffsverwirrung noch verstärkt hat. Im Grund bedeutet es nichts anderes, als dass sie über Net Zero hinausgehen und eine größere Menge an CO2 ausgleichen, als sie selbst emittieren. Der Teufel steckt jedoch im Detail: Zum Beispiel hat Brewdog trotz der beeindruckenden Schlagzeile bislang noch kein öffentliches CO2-Reduktionsziel festgelegt.

CO2- oder Klimapositiv ist eine Phrase, die eigentlich vermieden werden sollte, da sie leicht zu der Annahme verleiten kann, dass sich das Klima "positiv" beeinflussen lässt, indem mehr von dem damit verbundenen Produkt oder der Dienstleistung gekauft werden. Tatsächlich sollten Behauptungen, dass mehr Konsum zu einer positiveren Auswirkung führt, eher Verdacht wecken. Jedes physische oder digitale Produkt hat Auswirkungen auf unseren Planeten, ein Teil der Lösung muss daher eine deutliche Reduzierung des Gesamtverbrauchs sein.

Wenn also ein Unternehmen von Net Zero (oder einem ähnlichen Begriff) spricht, sollten die tatsächlichen Verpflichtungen, die diesem Begriff zugrunde liegen, in Betracht gezogen werden. Net Zero muss mit starken Reduktionszielen, vorzugsweise auf wissenschaftlicher Grundlage, sowie mit qualitativ hochwertigen Ausgleichsmaßnahmen einhergehen.

Vor allem sollten diejenigen, die wirklich die Messlatte für eine Führungsrolle im Klimabereich setzen wollen, sicherstellen, dass ihre Bemühungen völlig transparent sind, so dass wir alle gemeinsam lernen können, wie wir zu einer CO2-armen, nachhaltigen Wirtschaft übergehen können.

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